Der Trend zum Leben ohne Geld

In Zeiten von Finanzkrise und unbefriedigenden Arbeits-Verhältnissen wächst die Sehnsucht nach Alternativen zu unserem kapitalistischen Gesellschaftsmodell. Selbsternte-Projekte, Couchsurfing, Tauschkreise mit eigenen Währungen sind keine reinen Nischen-Phänomene mehr. Manche wagen auch den Total-Ausstieg – in die Land-Kooperative oder ins Kloster. 

Die Kooperative Longo Maï ist eines der wenigen Gesellschafts-Experimente der 68er Generation, das die Zeiten überdauerte: In der Zentrale von Longo Maï in der französischen Provence leben rund 80 Erwachsene und Kinder. Die Arbeit wird geteilt, Geld ist weitgehend abgeschafft, Entscheidungen werden im Konsens getroffen.

Der Wiener Heinzi Schwarz war gerade 17, als er mit Freunden aus der linken Jugendbewegung Longo Mai gründete
"Le Pigeonnier" - das Gebäude mit dem Taubenturm - war 1973 das einzige, das zumindest Dach und Fenster hatte

Constanze Warta ging gleich nach der Matura zu Longo Mai. - Sie war jahrelang Wanderschäferin

Heinz Schwarz aus Wien gehörte zur Gruppe der Pioniere, welche Anfang der 1970er Jahre das Land erwarben und die desolaten Gebäude renovierten. „Wir waren alle aus der Stadt“, erzählt er, „von Landwirtschaft haben wir keine Ahnung gehabt.“ Kürzlich feierte die Kooperative, die mittlerweile zehn Niederlassungen betreibt, ihr 40-jähriges Bestehen.
Wir porträtieren in unserem Film „Tauschen & Teilen - Der Trend zum Leben ohne Geld“ eine Gruppe von Österreichern in Longo Mai, aber auch andere Initiativen, welche Alternativen zum kapitalistischen Gesellschaftsmodell erproben.


Boom der Commons-Bewegung

Unter dem Oberbegriff der „Commons-Bewegung“ entsteht eine neue Kultur des gegenseitigen Gebens und Nehmens. „Ich glaube, dass der Wandel zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft nicht von ExptertInnen oder PolitikerInnen herbeigeführt werden kann, sondern dass das Wissen, die Erfahrungen und die Fähigkeiten aller Menschen dafür unverzichtbar sind,“ sagt Brigitte Kratzwald, Sozialwissenschaftlerin und Commons-Aktivistin.

Commons-Expertin Brigitte Kratzwald
Österreich-weit florieren die „Talente-Tauschkreise“. Dabei werden eigene Talente genützt und gegen fremde Talente eingetauscht. Der Bio-Bauer Karl Kowatschek verkauft seine Produkte gegen Talente-Stunden. Das ist eine eigene Währung, vom Design den Euronoten recht ähnlich. Jeder kann den Wert seiner Waren danach bemessen, wie viel Arbeitszeit zur Herstellung aufgewendet wurde.
Für die langjährigen Teilnehmer des Tauschkreises hat sich aus den vielfältigen Interaktionen mittlerweile eine Gemeinschaft ergeben, welche ihr bisheriges „normales“ Leben vollständig verändert hat.
Ob das eigene Talente-Konto im Plus ist – oder ob wieder mal etwas Arbeit nötig ist, das ist jederzeit online abrufbar. Auch Überzug ist gestattet. „Allerdings sollte jeder Teilnehmer mindestens einmal jährlich ins Plus kommen“, sagt Karoline Karpati, die immer seltener im Supermarkt einkauft.


Gemeinsames "Garteln"

Dass „Commoning“ längst mehr als graue Theorie ist, zeigen die florierenden Gemeinschaftsgärten. „Allein in Graz haben wir bereits 14 solche Projekte, wo die Leute gemeinsam garteln“, erzählt David Steinwender während er eine der letzten Ernten der Saison einbringt. „Hier treffen wir uns das ganze Jahr zum Arbeiten, zum Lernen oder auch zum Feiern“, erzählt die Studentin Lisa Hintersteininger. „Von den Tomaten, die ich gepflanzt habe, hab ich leider nichts erwischt, weil ich da grad auf Urlaub war. Doch das habe ich bei der Ernte des Herbstgemüses im Überfluss wieder herein gebracht.“

Die Studenten Lisa und David in ihrem Grazer Gemeinschafsgarten

Leben ohne Geld im Orden

Gemeinschaftliches Leben ist bei Ordensleuten seit jeher üblich. „Eigentlich sind wir ja die Erfinder der commons-Idee“, schmunzelt Franz Helm von den Steyler Missionaren. „Wir sind sehr froh, dass dieser Gedanke nun auch in der normalen Gesellschaft modern wird und immer mehr mit Ideen und konkreten Projekten gefüllt wird.“ Früher war im Missionsgebäude St. Gabriel in Maria Enzersdorf bei Wien Platz für die Ausbildung von 600 Missionaren. „Heute leben hier noch 45 Personen und ich bin mit 50 Jahren einer der Jüngsten“, sagt Helm. Im weit läufigen Ordensgebäude ist heute ein Hilfswerk für Flüchtlinge unter gebracht, auch eine Montessori Schule findet Platz. „Das Außengelände mit den Sportplätzen ist belebt und bestens gepflegt“, sagt Helm. „Wir sind damit Teil einer jungen lebendigen Gemeinschaft.“
Auch die Ordensleute führen weitgehend ein „Leben ohne Geld“. Alle Einkünfte kommen in einen gemeinsamen Topf. Jeder Pater erhält ein monatliches Taschengeld von 50 Euro. „Ich ernte immer wieder erstaunte Blicke, wenn ich erzähle, dass ich meine Einkünfte abgebe“, erzählt Helm. „Ich selbst erlebe das aber als große Freiheit, weil ich mich um den wirtschaftlichen Bereich nicht kümmern muss.“


"Wir gründen eine Bank": Die Bank für Gemeinwohl

„Ich finde es faszinierend hier dabei zu sein, wenn eine Bank durch einen zivilgesellschaftlichen Prozess gegründet wird“, meint der Wirtschaftswissenschafter Reinhard Mammerler.
Derzeit laufen die letzten Vorbereitungsarbeiten: Die Demokratische Bank, die sich kürzlich ihren endgültigen Namen „Bank für Gemeinwohl“ verpasst hat, wird binnen einem Jahr ihre Tore öffnen. „Wir wollen wieder zu den Grundelementen eines dienenden Bankgeschäfts zurück kehren“, sagt Mammerler: Dazu zählen Girokonten für Zahlungsverkehr mit Online-Banking und Bankomatkarten. Wenig bis keine Zinsen, Finanzmittel sollen anderen als günstige Kredite zur Verfügung stehen, insbesondere sollen gemeinwohl-orientierte Projekte finanziert werden können. Missbrauch und Spekulation, so Mammerler, wird bei der „Bank für Gemeinwohl“ ausgeschlossen: „Die Finanzmittel fließen in transparente, realwirtschaftliche Projekte aus dem regionalen Umfeld.”
Initiatoren Reinhard Mammerler und Markus Stegfellner
Der Unterschied zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Gehalt der Mitarbeiter soll nicht größer als 5:1 sein. Die Kreditvergabe erfolgt nach den Kriterien der Gemeinwohlökonomie, die in den Statuten festgeschrieben sind – je höher die Bewertung, desto niedriger die Zinsen. Anstatt Gewinne auszuschütten, sind Sozialkonten für Menschen mit geringem Einkommen geplant. 
Markus Stegfellner sieht das Projekt auch als mutmachendes Beispiel für eine Umformung der Gesellschaft im Sinne einer Revolution von unten: "Wenn es uns möglich ist, etwas so kompliziertes wie eine Bank auf die Beine zu stellen, dann können wir eigentlich als Zivilgesellschaft jedes andere gesellschaftliche und soziale Problem auch selbst lösen."
Derzeit sind etwa 450 Personen aktiv am Gründungsprozess beteiligt. Mitarbeit ist nach wie vor erwünscht.

Unser Film "Tauschen & Teilen - Der Trend zum Leben ohne Geld" (Kamera: Christian Roth, Schnitt: Natalia Hanzer, Produktion Langbein & Partner) läuft am 4. Februar im Programm von ORF 2 (23,25 Uhr), sowie am 5. Februar auf ORF 3 (21,10 Uhr). Daraufhin ist er eine Woche lang in der TVthek des ORF abrufbar.