Macht die Grippe Impfung Sinn?

Bei all den Zeitungs- und TV-Berichten, die derzeit umgehen, bekommt man den Eindruck, dass “Winter” ein vollständig altmodischer Begriff für die bevorstehende Jahreszeit ist. Eigentlich stehen wir nämlich vor der “Influenza-Saison”. Und laufend sind wir mit der Frage konfrontiert, ob wir die Kinder und uns selbst impfen lassen sollen oder nicht. 


Foto: Andre Borges/Agência Brasília


Das, was wir gemeinhin als „Grippe“ bezeichnen kann vollständig unterschiedliche Ursachen haben. Es gibt mehr als 200 Viren, die Grippe oder grippale Infekte auslösen können.  „Und auch wenn dies oft behauptet wird: Ohne Labortest können Ärzte die beiden Krankheiten nicht seriös auseinander halten“, erklärte mir Tom Jefferson, langjähriger Leiter der Impfabteilung der angesehenen Cochrane-Gruppe. 
In der Tat haben zahlreiche Studien die Ansicht widerlegt, dass nur die „echten“ Influenzaviren ernsthafte Krankheiten machen, die grippalen Infekte hingegen banal verlaufen. Bei kranken älteren Menschen zeigten sich beispielsweise die so genannten RS-Viren genauso oft als Verursacher eines Spitalsaufenthalts wie Influenzaviren. Noch extremer war das Verhältnis bei Kindern. Eine umfangreiche US-Studie zeigte, dass Influenzaviren hier im Jahresschnitt gerade einmal drei Prozent aller Klinikeinweisungen bei Atemwegsinfektionen verursachten und damit in der Rangliste der Krankheitserreger deutlich hinter RS-Viren, Noroviren oder Parainfluenza-Viren lagen. 

Besonders eindrucksvoll war dieser Unterschied während der Schweinegrippe-Pandemie von 2009/2010, wie eine Erhebung des nationalen slowenischen Gesundheitsinstituts in Ljubljana, ergab. Während die Influenza-Viren vorherrschten, kam es bei Kindern kaum zu Fällen von Bronchitits oder anderen Atemwegsinfekten, die einer Behandlung im Krankenhaus erforderten. Als die Grippesaison zu Ende ging und die RS-Viren dominierten, stiegen die stationären Aufnahmen hingegen um das Fünffache an. 
Auch ein historischer Überblick zur Sterblichkeit der vergangenen hundert Jahre in den USA belegt, dass der Einfluss der Influenza grob überschätzt wird. Studienautor Peter Doshi vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston wies nach, dass nicht einmal in den berühmten Grippejahren von 1957/58 (Hongkong-Grippe) und 1968/69 (asiatische Grippe) ein merkbarer Anstieg der Gesamtsterblichkeit erkennbar war. “Deutlich zeigte sich hingegen, dass mit den Fortschritten in der medizinischen Versorgung, der Hygiene und des allgemeinen Lebensstandards das Sterberisiko stark absinkt”, erklärt Doshi. “Die Bedrohung durch eine Influenza-Pandemie wird extrem überschätzt.”

Ebenso wie der Schutzeffekt der Influenza-Impfung. Eine Analyse der Sterblichkeit in den USA während der vergangenen beiden Jahrzehnte ergibt nicht das geringste Indiz dafür, dass die Impfung überhaupt einen Effekt hatte. Obwohl sich die älteren Menschen heute viel öfter impfen lassen und die Impfrate von 15 Prozent im Jahr 1980 auf zuletzt 65 Prozent gestiegen war, ergab sich kein Rückgang bei den Todesfällen durch Influenza. “Unsere Ergebnisse stellen die derzeitigen Konzepte infrage, wie ältere Menschen am besten vor dem Grippetod geschützt werden können”, erklärten die Autoren im Schlusswort ihrer Studie. 
Tatsächlich bestätigen die Zahlen, dass nur die spanische Grippe vom Nachkriegswinter 1918/19 sich überhaupt in einem Anstieg der Gesamtsterblichkeit bemerkbar machte. 


Was machte die Spanische Grippe so gefährlich? 

Zunächst einmal verlief die Krankheit so ungewöhnlich, dass viele Ärzte sie zunächst gar nicht für eine Influenza hielten, sondern an eine Rückkehr von Cholera oder Typhus dachten. Das begann schon mit dem Beginn des Ausbruchs, der nicht in die normale Grippesaison fiel, sondern bereits im Spätsommer 1918 startete und bis zum späten Frühjahr 1919 andauerte. 
Eines der ersten Todesopfer war der spanische König. Tuberkulosekranke – wie etwa Franz Kafka – traf die Grippe besonders hart. Aderlässe und Blutegel kamen zu neuen Ehren. Naturheiler brauten Wundermittel aus Tollkirschen. Und dennoch war kein Kraut gewachsen. Edith Schiele starb als sie im 6. Monat schwanger war. Ihr Mann Egon steckte sich bei ihr an und folgte ihr kurz darauf ins Grab. 
Während normale Grippewellen die Gefährdungskurve eines „U“ bilden – also für Kleinkinder und alte Menschen das höchste Risiko bedeuten, wurden hier speziell Menschen in der Blüte ihres Lebens, zwischen 20 und 40 Jahren dahingerafft. Im Jahr 2005 isolierten Wissenschaftler der US-Behörde CDC Originalviren von einem Influenzaopfer, das im Permafrost von Alaska konserviert worden war. Und hier zeigte sich bei Experimenten, dass die Viren bei Affen noch immer dieselben Symptome auslösen konnten, wie damals. 
Todesursache der “spanischen Grippe” war ein sogenannter Zytokinsturm – eine extrem heftige Reaktion des Immunsystems, welche befallenes Gewebe im Körper regelrecht verwüstet. Also eine Überreaktion, die zwar die Infektion stoppt, dabei aber so großen Schaden – vor allem an den Lungen – anrichtet, dass sie für die Betroffenen gefährlicher war als die Viren selbst. 
Auch der Grund, warum das Immunsystem – speziell bei jungen Erwachsenen – derart hysterisch reagierte, scheint nun geklärt. Eine Arbeitsgruppe um den Evolutionsbiologen Michael Worobey an der Universität von Arizona in Tucson rekonstruierte das Virus von 1918 und klärte auch dessen Entstehung durch Genanalysen auf. Dabei wurde klar, dass sich kurz vor dem Ausbruch eine vollständig neuartige Mischung mit Anteilen von Pferde- und Vogelviren gebildet hatte, die später als H1N1 Typus kategorisiert wurde. Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren hatten schon mit deren Vorgängern Bekanntschaft gemacht und hatten deshalb einen gewissen Schutz vor der neuen Variante. Die Altersgruppe der über 20-jährigen war in ihrer Kindheit – im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts – jedoch ausschließlich mit H3N8 Viren konfrontiert. Und hier reagierte das Immunsystem nun vollkommen überrascht und in fataler Weise falsch. 
Worobey schließt daraus, dass der frühe virale Kontakt in der Kindheit den wichtigsten Schutz vor neuartigen Virenvarianten darstellt. „Das wird in den derzeitigen Impfstoff-Strategien aber überhaupt nicht bedacht.“ 


Wenn Geimpfte ein höheres Risiko haben 

Mediziner und Schulbehörden in Kanada machten während der Schweinegrippe-Pandemie eine interessante Beobachtung, die für zukünftige Ereignisse lehrreich sein könnten: Sie bemerkten, dass die meisten Kinder mit dem neuartigen Virentyp, der damals die Welt umrundete, problemlos zurecht kamen. Es gab jedoch eine Ausnahme: Vergleichsweise schwer erkrankten nämlich jene Kinder, die zuvor jährlich eine Grippe-Impfung erhalten hatten. Auch hier waren die – zum Glück seltenen Todesfälle – meist wieder durch einen Zytokinsturm des Immunsystems ausgelöst. 
In Kanada wurden gleich vier Studien durchgeführt, um diesen Verdacht zu prüfen und ihn schließlich auch bestätigten: Anscheinend ist es für das Immunsystem der Kinder von Vorteil, die Viren – ohne pharmazeutische Schützenhilfe – kennen zu lernen. Dann erwerben sie über den immunologischen Kontakt auch das Rüstzeug, mit stark veränderten Viren klarzukommen. Jene Kinder, die keine saisonale Grippe-Impfung erhielten, profitierten über den Kontakt mit anderen Influenza-Stämmen und hatten gegenüber der neuartigen Variante zumindest einen Teilschutz erworben. Das Immunsystem war vorgewarnt und die Krankheit verlief zumeist mild. Die Impfung hingegen stört offenbar diesen Lerneffekt des Immunsystems. 

Eine Gruppe von Virologen und Kinderärzten der Erasmus Universität Rotterdam untersuchten diesen Zusammenhang mit einem recht drastischen Experiment. Dafür setzten die Wissenschaftler Mäuse verschiedenen Impfungen und nachfolgenden Infektionen aus. Der entscheidende „Elchtest“ für die Tiere war eine Konfrontation mit Vogelgrippe Viren vom Typ H5N1. Dieser besonders gefährliche Virustyp galt als Dummy für eine neuartige tödliche Mutation der Influenzaviren. 
Die Überlebenschancen der Mäuse, die in diesem Experiment eingesetzt wurden, standen nicht sonderlich gut: 

  • Wurden die Mäuse mit dem saisonalen Impfstoff geimpft und danach mit den Vogelgrippe-Viren konfrontiert, so starben sie. 
  • Wurden die Mäuse nicht geimpft und dann mit den Vogelgrippe Viren konfrontiert, so starben sie ebenfalls. 
  • Wurden die Mäuse mit saisonalem Impfstoff geimpft, danach mit saisonalen Viren infiziert, so überstanden sie im Normalfall die saisonale Grippe, starben aber ebenfalls wieder, wenn sie anschließend mit H5N1 infiziert wurden. 


Was denken Sie, war die einzige Variante, bei der die armen Versuchsmäuse dieses Experiment überlebten? 
Folgendes: Das Überlebensrezept bestand darin, dass die Mäuse ungeimpft eine normale Grippe durchmachten. Sie wurden krank und erholten sich wieder. Und siehe da: Danach waren sie plötzlich gegen die ansonsten stets tödlichen H5N1 Vogelgrippe-Viren gewappnet. 
Sie hatten weniger Viren in der Lunge, erkrankten weniger heftig und die meisten Tiere überlebten den Kontakt mit der Influenza-Mutation. 
Und dieser Lerneffekt des Immunsystems erklärt nach Ansicht der holländischen Mediziner auch die unterschiedlichen Verläufe, die während der Schweinegrippe Pandemie beobachtet wurden. Länder mit geringer Impfmoral bei der saisonalen Grippe-Impfung – wie beispielsweise Österreich, Holland oder Deutschland, kamen mit der Pandemie am besten zurecht. 
Länder wie die USA, wo die „Flu-Shots“ bereits ab einem Alter von 6 Monaten empfohlen und von der Bevölkerung auch angenommen werden, hatten hingegen während der Schweinegrippe-Pandemie eine vergleichsweise hohe Sterblichkeit. 
Wer seine Kinder gegen Grippe impft, geht demnach also das Risiko ein, dass diese nur eine “Scheinimmunität” gegen die in der Impfung enthaltenen Antigene erhalten, sich jedoch keine breitere Immunität gegen nachfolgende andersartige Grippeviren ausbilden kann. Und wenn dann doch einmal mutierte Viren kommen, verkehrt sich der vermeintliche Schutz ins Gegenteil. 


Glücksspiel Influenza Impfung 

Kaum eine Impfung hat einen so schlechten Ruf wie die Influenza-Impfung. Besonders skeptisch sind hier die Österreicher. Die Durchimpfungsrate, errechnet auf Basis der abgegebenen Impfdosen, betrug während der Saison 2017/18 magere 6,4 Prozent. „Im Vergleich zum Vorjahr war das zwar eine Steigerung von fast einem Prozent, insgesamt ist die Rate aber nach wie katastrophal”, hieß es von Seiten des Verbands der Impfstoffhersteller. 
Die Grippewelle von 2017/18 war eine der stärksten der vergangenen Jahrzehnte. Sie begann rund um Weihnachten und dauerte ungewöhnlich lange bis Ende März. In Deutschland wurden bis Jahresmitte 2018 mehr als 270.000 Influenza-Fälle gemeldet. Im gesamten Jahr 2017 waren es dagegen nur 95.977 Meldungen. Nach Angaben der „Arbeitsgemeinschaft Influenza“ sind 1.287 Menschen in Deutschland an Grippe verstorben. „Diese offiziellen Zahlen zur aktuellen Grippesaison beschreiben wohl längst nicht das tatsächliche Infektionsgeschehen“, erklärte STIKO-Vorsitzender Thomas Mertens gegenüber der Ärztezeitung. Er geht von zehnmal höheren tatsächlichen Grippezahlen aus und von rund 12.000 Influenza bedingten Todesfällen. Bei derartigen Ungenauigkeiten stellt sich allerdings die Frage, warum überhaupt eine bundesweites – aus Steuergeldern finanziertes Influenza-Überwachungssystem notwendig ist, wenn dann die „tatsächlichen Zahlen“ ums Zehnfache abweichen. 

Der Großteil der Erkrankungen wurde vom Influenza Typ B – vom Stamm Yamagata – ausgelöst. Die H1N1 Variante vom Influenza Typ A, die in den Vorjahren vorgeherrscht hatte, war nur mehr für rund 25 bis 30% der Fälle verantwortlich. Blöd war allerdings, dass von den Impfstoffen nur ein einziger auch diesen Stamm abdeckte. Und der war – als sich dies herumsprach – bald nicht mehr lieferbar. Die Schutzwirkung der Impfung lag nach Angaben der Behörden insgesamt zwischen 25 und 52%. Für die nächste Saison soll nun jedenfalls auch der Stamm Yamagata in allen Impfstoffen enthalten sein. Man wird sehen, ob diese Nachjustierung den entscheidenden Erfolg beschert, oder ob sich auch diesmal wieder ein unvorhergesehener Virenstamm breit macht. 


Vorsicht vor Geimpften: Sechsmal mehr Viren in der Atemluft

Die Wirksamkeit der Impfung war nicht nur in der vergangenen Saison schlecht. Die Influenza-Impfung ist ein Dauer-Sorgenkind. Laut der unabhängigen Cochrane Collaboration bestehen bezüglich der Wirksamkeit der Influenza Impfung zwei schwarze Löcher. Für Kinder unter 2 Jahren gibt es gar keinen Nachweis der Wirksamkeit. Ebenso schlecht ist die Datenlage für Personen im Alter über 65 Jahren. Und sogar bei Menschen in Gesundheitsberufen schließen die Cochrane-Autoren:

Unsere Übersichtsarbeit fand keine vernünftige Basis, um die Impfung der Menschen in Gesundheitsberufen zu empfehlen.“ 

Es gibt demnach keine zuverlässigen Belege, dass die Patienten davon profitieren, wenn die Ärzte und Krankenpfleger geimpft sind. 
Im Gegenteil. Aktuelle Studien weisen sogar auf ein höheres Risiko. Die Kontaktpersonen von Geimpften haben allen Grund vorsichtshalber eine Atemmaske zu tragen. Dies zeigte eine Anfang 2018 veröffentlichte Arbeit, bei der die Atemluft von 355 Personen mit Grippe-Symptomen auf Viren untersucht wurde. Jene, die aktuell und im Jahr davor die saisonale Influenza-Impfung erhalten haben, hatten im Vergleich zu  nicht geimpften Grippe-Kranken eine sechsmal so hohe Virenlast in ihrer Atemluft. 

Unter Impfexperten wurde diese gut gemachte Studie weitgehend ignoriert. Die Werbekampagnen laufen, wie jedes Jahr. Derzeit, so der Cochrane Impfexperte, Tom Jefferson, “gleicht die Werbung für die Influenza-Impfung eher den Praktiken von Staubsauger-Verkäufern auf Jahrmärkten”. 

In manchen Jahren bezieht sich das schwarze Wirksamkeitsloch der Impfung nicht nur auf Kleinkinder und Senioren, sondern dehnt sich auf die gesamte Bevölkerung aus. Als Grund für diese Abstürze nennen die Influenza-Experten die zeitverzögerten Herstellung. Der Impfstoff wird nämlich ein halbes Jahr im voraus – nach den vorherrschenden Influenza-Viren auf der Südhalbkugel – konzipiert. Und welche Typen sich dann sechs Monate später tatsächlich im Norden zeigen, ist Glückssache. 
Seit Jahren fordert die Cochrane Collaboration, dass die Auswirkungen der Influenza Impfung in einer gut gemachten Vergleichsstudie zwischen Geimpften und Ungeimpften gemessen werden. Nur so wäre eine objektive Bewertung der Impfung möglich. Tatsächlich weiß man bisher nicht einmal annähernd, wie viele Krankheitstage sich ein durchschnittlicher gesunder Erwachsener durch eine Impfung erspart. Wenn man sich überhaupt etwas erspart. 

Die Hersteller der Impfstoffe sehen keinen Anlass, so eine Studie zu finanzieren. Offenbar erscheint ihnen das Risiko zu groß, dass die Resultate einer derartigen Arbeit ihnen einen nachhaltigen finanziellen Schaden zufügen könnten. Es läge also an den Gesundheitsbehörden, hier tätig zu werden und so eine Studie öffentlich zu finanzieren. Schließlich werden auch viele Millionen an Steuergeld an Zuschüssen für die jährlichen Influenza-Impfaktionen bezahlt. Höchste Zeit, sollte man meinen, dass diese Ausgaben auf ihre Sinnhaftigkeit geprüft werden. Bislang konnten sich die Behörden jedoch nicht zu einer relevanten Aktivität aufraffen.

Dieser Artikel ist ein kurzer Ausschnitt aus dem Influenza-Kapitel in meinem aktuellen Buch “Gute Impfung – Schlechte Impfung“, das im Oktober 2018 im Verlag Ennsthaler erschienen ist. (417 Seiten, 24,90€)


Continua a leggere

Pubblicato in Senza categoria

Mythos Tetanus: Vom Nutzen der berühmtesten Impfung


Um Einblick zu geben, welche Art von Lektüre Euch in meinem Buch “Gute Impfung – Schlechte Impfung” erwartet, bringe ich hier ein Ansichtskapitel zur Tetanus-Impfung. Ihre Entwicklung reicht tief ins 20. Jahrhundert zurück – und bis heute ist sie eine der beliebtesten Impfungen. Doch besteht dieser gute Ruf zurecht?



Der berüchtigte Ruf der Tetanus Erkrankung wird in ihrem zweiten Namen deutlich: Wundstarrkrampf. Alte Abbildungen zeigen Patienten mit unnatürlich verkrampften, durchgebogenen Leibern. Ihr Gesicht ist manchmal durch ein unwillkürliches “sardonisches Grinsen” ins Absurde verzerrt. Wer einen Wundstarrkrampf miterlebte, vergisst es das ganze Leben nicht mehr. So etwas macht Angst und das sitzt fest im kollektiven Gedächtnis. 

Massenhaft aufgetreten ist Tetanus während des Ersten Weltkrieges. Krankheiten sind immer auch „Kinder ihrer Zeit“ und deshalb macht es Sinn, sie aus der damaligen Situation zu begreifen. Die Krankheit war das Todesurteil vieler Soldaten.
Doch wie waren die Umstände damals? – Nehmen wir etwa die über mehrere Jahre festgefahrenen Fronten zwischen Frankreich und Deutschland, mit dem brutalen Höhepunkt des Krieges, der grotesken Schlacht um Verdun. Den bis dahin in der Militärgeschichte noch nicht da gewesenen Materialeinsatz durch den stündlich Tausende Granaten und Minen explodierten. In der Kriegszeit zwischen 1914 und 1918 wurden von deutscher Seite rund 1,2 Millionen Soldaten durch die „Hölle von Verdun“ geschickt. Auf Seite der Franzosen waren es kaum weniger. Der Einsatz galt bei den Soldaten als „Blutpumpe“, „Knochenmühle“, „absolute Höllenfahrt“. 
In den meisten Divisionen waren 100 Prozent der Soldaten zumindest leicht verletzt. Dazu kam das Giftgas. Die Soldaten mussten stundenlang Gasmasken tragen. Blieben tagelang in den Schützengräben, tranken vor Durst oft verseuchtes Regenwasser aus Granattrichtern, bekamen tagelang nichts zu essen. Viele vegetierten mit nicht behandelten Wunden von Granatsplittern in den Schützengräben, warteten vergeblich auf Hilfe. Dazu die unzähligen Militärpferde, welche eingespannt wurden um die Geschütze zu ziehen. Es war ein Dauersterben auch bei den Tieren, die leichte Ziele waren. Dazu die Leichen der Soldaten, die nicht abtransportiert werden konnten und manchmal wochenlang liegen blieben. Es herrschten katastrophale hygienische Verhältnisse in allen Belangen.

Rund um dieses apokalyptische Massensterben wurde von beiden Seiten an der Rückseite der Front eine gewaltige Versorgungsinfrastruktur aufgezogen, wo auch wieder hunderttausende Pferde im Einsatz waren. Dazu die Tiere, die zur Schlachtung und Verarbeitung angeliefert wurden. Stellen Sie sich diese Kombination vor: Massenhaft unversorgte Verwundete, miserabelste hygienische Verhältnisse mit allgegenwärtigem Kot von Tieren und Menschen. Hier wüteten unzählige Krankheiten, trugen das ihrige bei, den leicht und schwer verletzten Menschen den Rest zu geben. Besonders eindrucksvoll im negativen Sinn war natürlich der Wundstarrkrampf, bei dem viele Soldaten vor den Augen ihrer Leidensgenossen einen elenden verheerenden Todeskampf mitmachten: von Krämpfen geschüttelt und widernatürlich verzerrt, am ganzen Körper gebeugt, brüllend vor Schmerzen über Stunden hinweg elend krepierten.
So etwas prägte sich natürlich ins kollektive Gedächtnis ein. Das vergaß niemand, der dabei war. Eine Generation von Militärärzten ging mit diesem Trauma an die Universitäten und erzählte von dem, was sie hier miterlebt und mitgelitten hatte. Und die Erzählungen waren so stark und so eindrucksvoll, dass sie über 100 Jahre, noch bis heute nachwirken. Bis heute gilt Tetanus als schrecklichstes Schicksal, das einen treffen kann. Sogar ansonsten strenge Impfkritiker unter den Ärzten machen bei Tetanus eine Ausnahme. 

Die Frage ist nur, ob dieses kollektive Trauma, das über die Generationen aus den Erzählungen der alten Militärärzte nachwirkt, in unseren Zeiten überhaupt noch Relevanz hat.

Schlacht um Verdun im 1. Weltkrieg – Verletzungsquote: 100%

Ursachen der Krankheit

Erreger der Krankheit sind Bakterien aus der Familie der Clostridien (C. tetani), welche von ihrer Form an Tennisschläger erinnern. Der Name Tetanus stammt aus dem Griechischen und bedeutet “Krampf”. Im rundlich erweiterten Ende der Stäbchen sitzen die Sporen des Bakteriums. Diese Sporen sind weltweit fast überall im Erdreich nachweisbar. Zudem auch im Darm von Mensch und Tier. 
Die Sporen sind sehr widerstandsfähig, überstehen sogar kurzfristig Hitze von mehr als 100 Grad. Die aus ihnen wachsenden Bakterien reagieren hingegen empfindlich auf Wärme, gehen im direkten Sonnenlicht oder im Kontakt mit Sauerstoff sofort ein. Die Krankheit kann demnach nur unter Luftabschluss entstehen. Gefährlich wird es, wenn sich die Bakterien in abgestorbenem, sauerstoffarmem Gewebe vermehren und dabei zwei verschiedene Gifte (Tetanolysin und Tetanospasmin) freisetzen. Auslöser der Symptome ist vor allem Tetanospasmin, eines der stärksten bekannten Gifte. Es dringt entlang der Nervenbahnen zum Rückenmark vor und verursacht schmerzhafte Muskelkrämpfe, die bis zum Atemstillstand führen können.
Die Diagnose einer Tetanus Erkrankung erfolgt meist über die klinischen Symptome. Der konkrete labormedizinische Nachweis der Infektion ist schwierig. Tetanustoxine können nur bei etwa einem Drittel der Fälle aus dem Blut isoliert werden. Die Anzucht der Bakterien ist langwierig und gelingt häufig nicht. Außerdem können Personen positiv auf Tetanus getestet werden, die gar nicht an Tetanus erkrankt sind. Insofern wird die Krankheit auf Grund der Symptome sofort behandelt, ohne auf den konkreten Nachweis zu warten. Die Mängel in der Diagnose stellen aber in jedem Fall eine gewisse Unsicherheit für die korrekte Erfassung der Krankheit dar. 
Behandelt wird die Krankheit, indem vorhandene Wunden gesäubert und abgestorbenes Gewebe sowie Fremdkörper entfernt werden. Wenn Krämpfe auftreten, ist es vor allem nötig, die Sauerstoff-Versorgung sicher zu stellen. Krampflösende Medikamente können Linderung bringen. Antibiotika bringen gegen Toxine wenig, werden aber trotzdem eingesetzt, um die Vermehrung der Bakterien zu vermeiden.
Eine besonders hohe Opferzahl fordert der Neugeborenen Tetanus. Er wird über unhygienische Entbindungstechniken ausgelöst, wenn etwa die Nabelschnur mit verschmutzter Schere oder Messer durchtrennt wird. Dass es in manchen Regionen üblich war, die Wunde am Bauchnabel mit trockenem Viehdung einzureiben, verschärfte das Problem. Noch immer sterben in Entwicklungsländern jährlich einige tausend Babys am Neugeborenen Tetanus. 

Doch auch in Europa herrschten vielerorts Zustände, die heute nur noch schwer vorstellbar sind. Ganz unabhängig vom Krieg. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter haben mir erzählt, dass sie jeweils einen Wundstarrkrampf in ihrem Umfeld persönlich miterlebt haben. Beide Krankheitsfälle wurden durch eitrige, schlecht heilende Wunden an den Füßen ausgelöst. 
Meine Eltern sind in den 1930er Jahren geboren. Sie lebten am Land in bäuerlicher Umgebung und während ihrer Kindheit war es nicht üblich, dass Kinder wochentags Schuhe tragen. Auch in die Schule, oder zur Stallarbeit gingen die Kinder barfuß. Nur in die Kirche, oder zu sonstigen feierlichen Anlässen wurde das wertvolle einzige Paar Schuhe angezogen. „Recht oft hatten wir Schrammen oder Risse, die nicht ordentlich abgeheilt sind“, erzählte mir meine Mutter. Die Hornhaut wurde zwar immer dicker und bot einen gewissen Schutz. Doch mal wurde ein Nagel übersehen, ein anderes Mal schnitt ein scharfer Stein zwischen die Zehen. Die Stallarbeit war Pflicht und ließ keine Ausreden zu und überall liefen die Hühner rum. 
An ihre Eltern konnten sich die Kinder deswegen nicht wenden. Die hatten selbst genug zu tun und waren selten verfügbar. Die Versorgung der Wunden an den Füßen war Eigenverantwortung. „Schaut halt, wo ihr hin steigt“, hieß es. Bestenfalls wurde ihnen eine scharfe Tinktur mit Arnika gereicht, die sie zur Desinfektion verwenden sollten. „Das hat derart gebrannt, dass wir lieber gar nichts gesagt haben“, erinnerte sich mein Vater. – Und so behandelten sich die Kinder gegenseitig. 
Unter diesen Bedingungen war das Risiko einer eiternden Wunde, wo die Tetanus Bakterien unter Luftabschluss überleben konnten, durchaus real. 

Während der 1950er Jahre wurden die Zeiten besser. Das Kriegstrauma geriet langsam in Vergessenheit, die allgemeine Hygiene nahm zu und die Kinder gingen auch wochentags mit Schuhen in die Schule. Parallel dazu fielen die Tetanus-Zahlen dramatisch ab. Und das fast gänzlich ohne medizinischen Beitrag.
Denn die heute übliche Tetanusimpfung wurde erst ab den 1960er Jahren breit angewendet – und die „passive Impfung“ mit Immunglobulinen, die im Ernstfall als „Serumtherapie“ verabreicht wurde – barg gewaltige Risiken.


Immunglobuline gegen Tetanus (Serumtherapie)


Darstellungen von akutem Wundstarrkrampf reichen zurück bis ins 5. Jahrhundert vor Christus. Die bakteriellen Auslöser der Krankheit wurden erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgeklärt. Eine wichtige Rolle spielte dabei der japanische Wissenschaftler Shibasaburo Kitasato der im Labor von Robert Koch in Berlin arbeitete. Er isolierte im Jahr 1889 erstmals die Tetanus Bakterien von einem akut erkrankten Patienten. Er zeigte, dass man dieselbe Krankheit auch bei Tieren auslösen kann, wenn man die Tetanus Toxine injiziert. Und er war auch der erste, der erkannte, dass die Gifte durch Antitoxine neutralisiert werden können. 
Aus Kitasatos Idee entstand zusammen mit Emil von Behring – und unter Mithilfe des Chemikers Paul Ehrlich – in den Folgejahren die so genannte Serumtherapie. Dafür wurden aus dem Blutserum künstlich infizierter Tiere – meist waren es Pferde – fertige Antikörper bzw. Immunglobuline entnommen und zur Therapie der Erkrankung eingesetzt. Es handelte sich also um eine passive Immunisierung. 

Bei der aktiven Immunisierung erzeugt das Immunsystem die Antikörper selbst. Das ist jene Impfung, die heute zur Auffrischung für Erwachsene oder zur Grundimmunisierung für Babys empfohlen ist – teil der Sechsfachimpfung. Doch auch die Serumtherapie wird heute noch immer angewendet. Etwa wenn eine Verletzung im Krankenhaus behandelt wird – und die letzte Impfung schon länger zurück liegt, oder der Impfstatus unklar ist. Oder bei der Behandlung eines akut auftretenden Tetanus.
In der Rückschau fällt die Beurteilung der klassischen Serumtherapie bei Tetanus recht kritisch aus. Den zeitgenössischen Medizinern erschien sie jedoch von Beginn an logisch und vernünftig. Emil von Behring erhielt im Jahr 1901 als erster den neu geschaffenen Nobelpreis für Medizin. Er galt als „Retter der Soldaten“ im Ersten Weltkrieg, wo die Serumtherapie erstmals routinemäßig zum Einsatz kam. 
Später tauchten mehr und mehr Zweifel auf, ob diese Ehrungen auch tatsächlich berechtigt war. Der Mediziner R.H. Regamey schrieb 1965 in seinem Buch „Die Tetanus-Schutzimpfung“, „daß die Einführung der Serumprophylaxe nach den ersten Kriegsmonaten 1914 das Auftreten der Tetanus-Fälle kaum verringert hat.“ Offenbar, so seine These, „ließ die Antitoxinwirkung bereits wieder nach, bevor die Toxinbildung der Erreger abgeschlossen war.“ 

Dazu kamen die Nebenwirkungen der Serumtherapie. „Leider ist das Verfahren nicht so sicher, wie zu wünschen wäre“, heißt es im „Handbuch der Kinderheilkunde (1)“, das 1966 im Springer Verlag erschienen ist. Besonders gefürchtet war der „primäre Serumschock“, der mit einer Häufigkeit von 1:20.000 angegeben wurde. „Er tritt wenige Minuten nach der ersten Fremdeiweiß-Injektion auf, ist schwer beherrschbar und meist tödlich.“ 
Jeder zweite bis fünfte Patient, der das Pferdeserum bekam, entwickelte zudem die so genannte „Serumkrankheit“, die mit schweren allergischen Symptomen verbunden war. Die Patienten entwickelten während zwei Wochen stetig zunehmende Hautausschläge, Gelenksschmerzen sowie Fieber, der Blutdruck fiel bedrohlich ab. So konnten die ohnehin von Krankheit bzw. Verletzung geschwächten Patienten in lebensgefährliche Krisen geraten. 
Nach dem 2. Weltkrieg reduzierte sich das Risiko einer Serumkrankheit auf Grund verbesserter Herstellungsmethoden etwas – blieb aber doch mit 0,5 bis 5 Prozent der Anwendungen auf einem irritierend hohen Niveau. 
Wichtig blieb weiterhin die genaue Befragung der Patienten, ob sie zuvor bereits eine Therapie erhalten hatten. Denn, so die Autoren des Lehrbuches: „Jeder Mensch ist nach einer Tierseruminjektion gegen das artfremde Eiweiß mehr oder weniger intensiv und dauerhaft sensibilisiert.“ Bei einer neuerlichen Verabreichung von Serum drohte ein lebensgefährlicher anaphylaktischer Schock. Es wurde deshalb empfohlen, die Patienten vor der Gabe von Serum einem Test zu unterziehen. Dabei wurde ihnen beispielsweise verdünntes Serum ins Auge getropft. Trat Brennen, Jucken und eine Schwellung der Bindehaut auf, galten die Patienten als gefährdet. 

Eine deutliche Besserung in diesem „Serumdilemma“, wie es der Hamburger Impfexperte Wolfgang Ehrengut nannte, brachte die Einführung der aktiven Impfung. Sie war ab den 1950er Jahren verfügbar. Und sofort startete eine heftige Diskussion, ob diese neue Impfung gemeinsam mit dem Serum gegeben werden kann. Viele Mediziner hingen trotz ihrer Schwächen an der Serumtherapie und waren skeptisch gegenüber der neuen Methode. Manche befürchteten auch, dass aktive und passive Impfung sich gegenseitig neutralisieren. Belastbare Daten oder brauchbare Studien, welche die beiden Therapien miteinander verglichen, gab es nicht. Gemacht wurde, was einflussreiche Professoren vorgaben. An unterschiedlichen Krankenhäusern wurde unterschiedlich behandelt. 
Schließlich setzte sich als Kompromiss die gemeinsame Gabe beider Injektionen durch. Immunglobuline und aktive Impfung sollten an gegenüberliegenden Körperseiten – also meist in linke und rechte Schulter – gesetzt werden. Viele Mediziner hofften, dass die aktive Impfung die schweren Nebenwirkungen der Serumtherapie reduzieren kann. Ein vollständiger Umstieg auf die aktive Impfung erschien jedoch als zu großes Wagnis, weil die Serumtherapie einen historisch gewachsenen guten Ruf hatte und ihr von vielen Medizinern eine deutlich bessere Wirkung als der neuen Impfung zugeschrieben wurde. 



Einschulung von Militärärzten in die Anwendung der Serumtherapie

Gegen Ende der 1960er Jahre gelang es, Serum von Menschen zu gewinnen, die sich als Plasmaspender zur Verfügung stellten. Damit gingen die Nebenwirkungen abermals stark zurück. In der Fachinfo des heute meist verwendeten Medikaments „Tetagam“, das von der Behring GmbH hergestellt wird, werden eine Reihe von möglichen seltenen Nebenwirkungen wie Überempfindlichkeitsreaktionen, anaphylaktischer Schock, Kreislaufreaktionen, Schüttelfrost oder Gelenksschmerzen aufgeführt. Mit der Einschätzung „selten“ ist eine Wahrscheinlichkeits-Spanne zwischen 1:1.000 und 1:10.000 gemeint, dass der Schaden eintritt. 
Blutprodukte unterliegen strengen Standards für Sicherheit. Unter den aktuellen Produktionsbedingungen ist die Übertragung von HIV oder Hepatitis B und C sowie vieler anderer möglicher Keime weitgehend ausgeschlossen. Dennoch besteht immer noch ein gewisses Risiko der Übertragung bislang nicht bekannter Bestandteile aus dem Serum der Plasmaspender. Dass eine mehrfache Gabe derselben Immunglobuline das Risiko von allergischen Schockreaktionen signifikant erhöht, wurde bislang in der Literatur nicht berichtet. 
Als Zielgruppe für den Einsatz dieser passiven Impfung werden Menschen genannt, die nicht – oder nicht ausreichend geimpft – mit Verletzungen in die Notfall-Ambulanz kommen. Bei diesen Personen soll – laut Fachinformation – parallel zur Gabe des Serums auch gleich noch die aktive Impfung durchgeführt werden.

Die aktive Impfung gegen Tetanus


Der heute verwendete aktive Impfstoff gegen Tetanus wurde erstmals 1924 in den USA zugelassen und während des 2. Weltkriegs auf breiter Basis bei US-Soldaten eingesetzt. Die Massenimpfungen der Babys – wie wir sie heute kennen – begann in den USA erst Ende der 1940er Jahre. In Deutschland wurde die Tetanus Impfung erstmals 1939 zugelassen. Zum breiteren Einsatz kam sie aber ebenfalls erst nach dem Krieg.
Der Impfstoff bestand zunächst aus ungereinigtem Tetanus Toxoid und konnte tierische Serumbestandteile enthalten. Nach dem Wechsel auf Nährmedien, war der Impfstoff teils mit Blutresten verunreinigt, was bei Mädchen bei einer späteren Schwangerschaft eine Blutgruppen-Unverträglichkeit auslösen konnte. Diese Probleme wurden 1956 bereinigt, als eine synthetische Herstellungsweise eingeführt wurde, welche keine Reste von Blut oder tierischem Serum mehr enthielt.
Es gibt zwei Arten von Tetanus Toxoid: an Aluminiumsalze adsorbiertes (gebundenes) Toxoid und flüssiges Toxoid (Fluid). An sich würde auch das pure Toxoid eine ausreichende Immunität auslösen. Weil die Mischung mit Aluminium die Reaktion des Immunsystems verstärkt, schießt der Antitoxin Titer jedoch höher rauf und hält länger an. Deshalb sind in der Praxis heute ausschließlich Tetanus-Impfstoffe mit Aluminium erhältlich. In der DDR war es noch üblich gewesen, die Auffrischungs-Impfungen mit Aluminium-freiem Tetanus-Fluid Impfstoff durchzuführen. Auch in Frankreich existierte bis vor wenigen Jahren eine Aluminium-freie Variante der Impfung. Diese Produkte wurden jedoch – ohne weitere Angabe von Gründen – vom Markt genommen.

Pro Jahr werden in Deutschland von den Ärzten zwischen sechs bis acht Millionen Tetanus-Impfungen mit der gesetzlichen Krankenversicherung abgerechnet. Die Auswahl der Präparate ist enorm. Es gibt Tetanus solo, in Verbindung mit Diphtherie, mit Keuchhusten – und in zahlreichen weiteren Kombinationen bis hin den den Sechsfachimpfungen, die den Babys zur Grundimmunisierung ab dem vollendeten 2. Lebensmonat gegeben werden.
Wie das Prinzip der aktiven Impfung gegen Tetanus funktioniert, ist gar nicht so leicht zu verstehen. Auslöser der Krankheit ist ein Nervengift, das bei der Vermehrung der Tetanus Bakterien entsteht. Die Impfung versucht, das Immunsystem zur Bildung von Antitoxinen anzuregen, welche im Ernstfall die Tetanus-Gifte neutralisieren sollen.
Der Wirkstoff der Impfung ist das Tetanus Toxoid. Dafür werden Tetanus-Bakterien auf Nährmedien gezüchtet und das entstehende Gift gesammelt. Dieses Toxin wird mit Formaldehyd behandelt und verliert damit seine krankmachenden Eigenschaften. Aus dem gefährlichen Toxin wird ein ungefährliches Toxoid. Ein Gift neutralisiert also das andere. Und dieses Toxoid soll dann die Immunreaktion gegen das echte Gift in Gang setzen.

Hier drängt sich die Frage auf, ob man gegen ein Gift überhaupt impfen kann. Schließlich handelt es sich dabei nicht um Viren oder Bakterien, welche eine eindeutige Immunantwort auslösen. Doch offenbar wirken auch Gifte immunologisch und erzeugen eine Reaktion. Denn wenn Menschen oder Tiere mit Toxoid geimpft werden, so entwickeln sie spezifische, Tetanus-typische Antikörper. 
Doch geht davon ein Schutz aus? 
Wie soll das funktionieren, zumal bekannt ist, dass eine einmal durchgemachte Tetanuserkrankung keine Immunität hinterlässt. Wieso soll dann die Impfung einen Schutz hinterlassen? – Die Antwort der Experten lautet, dass die Tetanus-Krankheit zwar ein sehr starkes Toxin produziert, allerdings nur in sehr geringer Menge. Viel zu wenig um eine dauerhafte Immunantwort zu generieren. Die Impfung arbeite hingegen mit einer im Vergleich deutlich größeren Menge des Toxoids. Und deshalb werde auch eine schützende Immunität erzielt, die etwa zehn Jahre anhält. 
Soweit die Experten.

Wer – so wie ich – nach eindeutigen Beweisen für diese Aussage sucht, wird enttäuscht. Das berühmte „Pink Book“, das von der US-Behörde CDC herausgegeben und regelmäßig aktualisiert wird, enthält das gesammelte Wissen über Impfungen sowie die durch Impfungen vermeidbaren Krankheiten. Zur Wirksamkeit der Tetanus-Impfung findet sich darin auf Seite 347 folgender bemerkenswerter Satz: „Die Wirksamkeit des Toxoids wurde nie im Rahmen einer Impfstoff-Studie geprüft.“(2) – Sehr interessant!
Dennoch geht man allgemein davon aus, dass die Wirksamkeit gegeben ist. Die CDC argumentiert damit, dass die Grundimmunisierung schützende Antikörper-Titer auslöst und die klinische Wirksamkeit deshalb „bei nahezu 100 Prozent liegt“. Das erkenne man auch daran, „dass Fälle von Tetanus bei ausreichend geimpften Personen mit einer Auffrischung während der letzten 10 Jahre, eine Rarität darstellen.“

Es gibt demnach keine Studien, welche die Wirksamkeit konkret nachweisen, aber weil bei geimpften Personen kaum Tetanus auftritt, wird angenommen, dass die Impfung wirkt. Dem schließen sich auch die meisten impfkritischen Experten an. „Die Tetanusimpfung ist ohne Zweifel hoch wirksam“, schreibt beispielsweise Martin Hirte in seinem Ratgeber „Impfen – Pro und Kontra“. Als Beleg nennt der Münchner Kinderarzt, dass es in Deutschland nach Einführung der Tetanusimpfung „zu einem nachhaltigen Rückgang der Erkrankungs- und Todesfälle kam“. 
An sich schätze ich die Expertise von Martin Hirte sehr. Doch kann man dieses Argument tatsächlich so einfach übernehmen? Was, wenn Tetanus tatsächlich wegen der deutlich besser werdenden hygienischen Umstände zurück gegangen ist – und die Impfärzte diese Leistung fälschlich für sich beanspruchen?
Was, wenn in Wahrheit die sorgsame Wundversorgung, das Tragen von Schuhen, die Abwesenheit von unversorgten Schuss- und Granatsplitter-Verletzungen den Rückgang verantworten. Und die Impfung – egal ob sie nun wirkt oder nicht wirkt – eigentlich unnötig ist? 
Auch wenn dieser Gedanke im ersten Ansatz radikal wirken mag: Es gibt einige durchaus rationale Argumente für diese These. 
Sehen wir uns das also genauer an.

Wie relevant ist das Tetanus-Risiko heute?


Würde Tetanus in Massen zurück kehren und ein relevantes Gesundheitsproblem darstellen, wenn wir aufhören zu impfen?
Laut Studien des RKI haben rund ein Drittel der Erwachsenen verabsäumt, während der letzen zehn Jahre Tetanus auffrischen zu lassen. Mit einer Impfrate von rund 95 Prozent bei Kindern liegt Deutschland – so wie auch die Schweiz und Österreich – im OECD Schnitt. Dies bedeutet aber, dass von den 11 Millionen deutschen Kindern unter 14 Jahren – bis zu 550.000 nicht gegen Tetanus geimpft sind. 
Wäre Tetanus tatsächlich ein relevantes Problem, so müssten sowohl bei den ungeschützten Erwachsenen wie bei den ungeimpften Kindern doch regelmäßig Krankheitsfälle bekannt werden. Zumal auch resolute Impfgegner so eine schwere Krankheit vermutlich nicht mit Globuli oder Kamillentee in Eigenregie behandeln, sondern ihre Kinder schleunigst in die Klinik bringen oder den Rettungs-Notruf wählen. 
Dennoch wurde die Meldepflicht im Jahr 2001 in Deutschland abgeschafft, „weil Tetanus kein relevantes Gesundheitsproblem mehr darstellt“. In der Schweiz verzeichnete das Bundesamt für Gesundheit im Jahr 2015 einen Tetanus-Fall, in den meisten Jahren treten jedoch keine auf. So wie in Österreich. Im 288 Seiten dicken Handbuch der Gesundheitsstatistik des Jahres 2016 mit allen relevanten Krankheitsdaten und Diagnosen kommt das Wort Tetanus nicht ein einziges Mal vor. 
In Deutschland gibt es pro Jahr noch einige wenige Fälle. Laut Krankenhausstatistik (3) des Bundes sind zwischen 2013 und 2016 im Schnitt 8,5 Patienten pro Jahr mit der Diagnose Tetanus in Krankenhäusern behandelt worden. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer betrug 33 Tage. Von den insgesamt 34 Patienten sind 2 verstorben. 
In der Schweiz sind laut Bundesamt für Gesundheit im Zeitraum von 1974 bis 2007 insgesamt 44 Todesfälle an Tetanus gemeldet worden. Der jüngste Patient war 33 Jahre alt, die ältesten waren zwei 92-jährige Frauen. Der Altersschnitt der Tetanus-Opfer lag bei etwas über 80 Jahren.

Überdurchschnittlich betroffen sind beispielsweise Diabetiker mit schlecht heilenden, chronisch entzündeten Wunden. Hier kann es passieren, dass Gewebe abstirbt und keinen Sauerstoff mehr enthält. Und dort können sich Tetanus-Bakterien vermehren. 
Insofern könnte es sinnvoll sein, speziell diese Risikogruppe gegen Tetanus zu impfen. Doch bei älteren Menschen mit geschwächtem Immunsystem fallen die Antikörper-Titer nach der Impfung rascher ab. Gerade wo der Impfschutz am dringendsten gebraucht würde, ist er also ungewiss.
Tetanus wurde über die Jahrzehnte zu einer sehr seltenen Krankheit von alten multimorbiden Menschen. In der internationalen Rangliste bedeutender Todesursachen ist Tetanus seit dem Jahr 1990 von Rang 19 auf Rang 69 abgestürzt. Bei Kindern tritt sie nur in absoluten Ausnahmefällen auf. Ihr Gewebe enthält noch tief im Muskel genügend Sauerstoff. Hier können Tetanus Bakterien normalerweise nicht überleben. Speziell wenn die Wunde versorgt und gesäubert wurde.

Die Auswirkungen der Impfpflicht


Kann man beziffern, wie hoch der Beitrag der Impfungen zu dieser erfreulichen Entwicklung war? Ist es möglich, den Einfluss von Impfkampagnen oder die in manchen Ländern verfügte Impfpflicht konkret zu messen? Sehen wir uns die verfügbare Beweislage dazu etwas genauer an.

Als Beispiel, wie gut die Impfung wirkt, wird häufig auf die USA verwiesen, die ihre Soldaten während des 2. Weltkriegs ausnahmslos gegen Tetanus geimpft hat. Die Gesamtzahl der Tetanus-Fälle unter den US-amerikanischen Soldaten fiel laut Gesundheitsbehörde CDC von 70 während des 1. Weltkriegs auf 12 im 2. Weltkrieg. 
Zunächst fällt auf, wie niedrig schon damals die Fallzahlen bei Tetanus waren. US-Soldaten waren nicht am Stellungskrieg in der „Hölle von Verdun“ beteiliegt. Ein Ausbruch von Masern während der Kriegsjahre 1917/18 forderte in der US-Armee vergleichsweise massenhaft Opfer mit 95.000 kranken Soldaten, von denen rund 3.000 verstarben. 
Abgesehen von den niedrigen Fallzahlen stellt sich bei Tetanus die Frage: Ist das nun ein Verdienst der Impfung – oder ist der Rückgang den besseren sanitären Verhältnissen sowie den Fortschritten in der medizinischen Versorgung zu verdanken?
Die Zahlen der CDC zeigen, dass der dramatischste Rückgang der Tetanus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts statt gefunden hat, als die Schutzimpfung noch gar nicht verbreitet war. Große Impfkampagnen starteten in den USA erst gegen Ende der 1940er Jahre. In dieser Zeit gab es jährlich rund 500 bis 600 Krankheitsfälle. Ab den 1970er Jahren waren es 50 bis 100 Fälle und ab der Jahrtausendwende sanken die Zahlen unter 20. 
Nähere Einblicke in die Risikogruppe bietet eine Studie der CDC, bei der 197 Tetanus-Fälle, die in der Zeitspanne von 2001 bis 2013 in den USA aufgetreten waren, analyisiert wurden. Die Sterberate lag bei 13%, das heißt die große Mehrzahl der Patienten hat die Giftattacke der Bakterien überlebt. Die Altersspanne lag zwischen 5 und 94 Jahren mit einem Median bei 49 Jahren. Personen spanischer Ethnie hatten ein beinahe doppelt so hohes Tetanus Risiko wie Menschen anderer Herkunft. Möglicherweise wegen der im Schnitt niedrigeren Sozialstandards. Besonders gefährdet waren Heroin-Abhängige. Sie stellten 15 Prozent der Tetanus-Opfer. „Chinin wird verwendet, um Heroin zu strecken und fördert möglicherweise auch das Wachstum der Tetanus-Bakterien“, heißt es dazu im Bericht der Behörde.
Unter den Personen mit bekanntem Impfstatus hatten 40,2 Prozent nie eine Tetanus-Impfung erhalten. 31,5 Prozent der Erkrankten hatten drei oder mehr Impfungen in ihrem Impfpass eingetragen, die restlichen nur eine oder zwei.


In der DDR war ab 1961 die Pflichtimpfung gegen Tetanus vorgeschrieben

Wie sich die unterschiedlichen Impf-Empfehlungen in West- und Ostdeutschland ausgewirkt haben, untersuchte die Medizinerin Silvia Klein im Rahmen ihrer 2013 publizierten Dissertation (4). Klein recherchierte dafür mehrere Jahre und fasste mit Unterstützung des Robert Koch Instituts die historischen Daten in einer interessanten Analyse zusammen.
In der DDR wurde die Meldepflicht für Tetanus bereits in den 1950er Jahren eingeführt, in Westdeutschland erst 1962 mit Inkrafttreten des Bundesseuchengesetzes. Im Osten schwankten zu Beginn die aufgezeichneten Fallzahlen stark. 1954 gab es einen Tiefststand mit 19 Fällen (0,11 Fälle pro 100.000 Einwohnern), ein Maximum von 77 Fällen wurde im Jahr 1963 berichtet (0,45 Fällen pro 100.000 Einwohnern). 
Im Westen lag die Inzidenz mit 0,22 Fällen bis 0,24 Fällen pro 100.000 Einwohnern bereits in den ersten Meldejahren deutlich niedriger als im Osten. Bis zum Jahr 1990 sanken die Tetanus-Fallzahlen kontinuierlich auf 0,02 Fälle pro 100.000 Einwohnern, das entspricht 14 Erkrankungen pro Jahr. Die Todesfälle lagen seit 1981 nur noch im einstelligen Bereich. Auch die Letalität – das Sterberisiko unter den Patienten – ging zurück. Im Jahr 1988 starben beispielsweise 2 von 11 Patienten. 
Die Fallzahlen gingen auch in der DDR deutlich nach unten, Tetanus blieb aber stets etwas häufiger als in Westdeutschland.
Nach der Wiedervereinigung blieb der Trend aufrecht. Seit 1998 gab es im gesamten Bundesgebiet meist weniger als 10 Fälle. 

Wie steht es nun um die Auswirkungen der Impfpflicht? 
Sie wurde in der DDR im Jahr 1961 für Kinder verfügt, im Jahr 1968 folgte die Impfpflicht für Erwachsene. Die Politiker wollten zeigen, was organisierte kommunistische Gesundheitspolitik leisten kann. Um die ehrgeizigen Ziele zu erreichen, gab es zahlreiche flankierende Maßnahmen. So wurden die Ärzte aufgefordert, bei jedem Besuch die Impfpässe der Patienten zu prüfen. 1975/76 wurden Sonderimpfprogramme „zu Ehren des IX. Pateitages der SED“ ausgerufen. Und tatsächlich gaben die DDR-Politiker im Jahr 1980 stolz bekannt, dass vom Säugling bis zum Greis 90 Prozent aller Staatsbürger durchgeimpft waren. 
Damit lag die Impfquote deutlich über jener im Westen, wo beispielsweise eine Untersuchung aus dem Jahr 1987 gerade mal eine Impfquote von 20 bis 40 Prozent bei den über 60-jährigen Frauen erbracht hatte. Bei Männern lag die Quote wegen der Impfungen beim Militär etwas höher, doch auch hier hatten bis zu 50 Prozent keinen aufrechten Impfschutz.
Generell gab man sich im Westen bei Tetanus deutlich weniger besorgt. Organisierte Impfprogramme liefen zwar auch bereits ab dem Jahr 1960, eine Impfpflicht wurde in der Bundesrepublik jedoch nie für nötig befunden. Erst 1974 sprach die STIKO eine detaillierte Tetanus-Impfempfehlung für Kinder aus, 1982 folgte die Empfehlung für Erwachsene. 
Bestraft wurde diese Laissez-faire Haltung nicht. 
„Für alle Zeiträume ergibt sich für die DDR sowohl ein erhöhtes Erkrankungs- als auch Sterberisiko“, schreibt Silvia Klein. Dies bezieht sich auch auf die Letalität. In der BRD, so Klein, sei schon seit Beginn der Aufzeichnungen ein Trend zur Reduktion der Sterblichkeit sichtbar. In der DDR hingegen „ist kein Rückgang aus den großen Schwankungen herauszukristallisieren.“

Was die Tetanus-Impfung zu den beschriebenen innerdeutschen Trends beigetragen hat, ist demnach schwer zu sagen. Erkennbar ist der Einfluss am statistischen Verlauf der Erkrankungen und Todesfälle nicht. Auch die Impfpflicht im Osten hatte keine sichtbaren Auswirkungen. Zumindest keine positiven.
Ein ähnliches Phänomen besteht auf europäischer Ebene. Italien, das seit langem die Impfpflicht gegen Tetanus kennt, zählt EU-intern die mit Abstand meisten Krankheitsfälle mit durchschnittlich mehr als zehn Tetanus-Todesfällen pro Jahr. 
Warum das so ist, weiß niemand. 
Und es wird auch nicht hinterfragt.

Tetanus-Impfung bei akuter Verletzung


Die Notfall-Ambulanzen der Krankenhäuser sind angewiesen, bei Verletzungen auf die Impfung aufmerksam zu machen und fehlenden Impfschutz nachzuholen. Gleichzeitig zur aktiven Impfung soll Personen, die zuvor nur eine – oder gar keine Tetanus-Impfung erhalten haben, auch Tetanus-Immunglobulin in den gegenüberliegenden Oberarm bzw. Oberschenkel injiziert werden. Diese Sicherheits-Maßnahme gilt laut Behörden aber nicht bei sauberen geringfügigen Wunden. 

In der Vergangenheit kam es in den Ambulanzen vielfach zu Überimpfungen bei Tetanus. Etwa dann, wenn sich die Verletzten an ihre letzte Impfung nicht erinnern konnten oder die Deutsch-Kenntnisse nicht ausreichten, um die Frage zu klären. Es wurde „zur Sicherheit“ nachgeimpft. In der Folge traten häufig entzündliche Reaktionen mit schmerzhafter Schwellung an der Impfstelle auf. Die Ursache für dieses – nach dem Arzt Maurice Arthus benannte – Arthus Phänomen ist eine allergische Reaktion des Immunsystems auf die Impfung. Arthus hatte diese Reaktion bereits 1903 bei Versuchstieren beobachtet, die mit Serum behandelt wurden – und dann bei einer abermaligen Injektion der betreffenden Antigene schwere Entzündungen rund um die Einstichstelle entwickelten. 
Ursache ist eine Immunreaktion gegen die verabreichten Antigene (die Wirkstoffe der Impfung) , die von der zuvor gegebenen Impfung ausgelöst wird. Wenn diese Impfung erst kurz zurück liegt und ein hoher Antikörper-Titer besteht, so können diese Antikörper an der Impfstelle ins Gewebe eindringen und dort an die Antigene binden. Dabei werden auch Mastzellen und andere Immunzellen aktiviert, und es kann zur Ausschüttung von entzündungsfördernden körpereigenen Stoffen (z.B. Histamin) kommen. Diese Substanzen haben die Aufgabe das Gewebe durchgängiger zu machen, damit weitere Immunzellen rascher in das Einsatzgebiet gelangen. Die Folge sind eben die beschriebenen schmerzhaften Schwellungen. Normalerweise gehen die Beschwerden nach einigen Tagen zurück. Es gilt jedoch allgemein bei überimpften Personen ein höheres Nebenwirkungsrisiko, die über die Arthus-Reaktion hinaus gehen können.
Weil sich die Beschwerden in diese Richtung häuften, gaben die Behörden an die Impfärzte in den Kliniken den Hinweis, möglichst genau zu erheben, wie lange die letzte Impfung zurück liegt und etwas Zurückhaltung bei der Tetanus-Auffrischung zu üben. Personen, die bereits so eine Arthus Reaktion mitgemacht haben, wird geraten, vor der nächsten Tetanus-Impfung sicherheitshalber einen Titer-Test durchführen zu lassen, um zu sehen, ob überhaupt eine Impfung notwendig ist. Bei einem Titerwert von mehr als 0,5 IU/mL steigt das Risiko für eine Arthus-Reaktion stark an.
Am häufigsten betroffen von diesen Reaktionen sind Kinder, die je nach Impfplan im Alter von sieben bis zehn Jahren ihre erste Auffrischungsimpfung machen sollen. Weil bei Kindern das Immunsystem am fittesten ist, sind auch die Immunreaktionen heftiger. Und so können bei mehr als der Hälfte der Geimpften Beschwerden auftreten, die bei ein bis zwei Prozent auch sehr heftig ausfallen.

Neben der beschriebenen allergischen Reaktion können an der Impfstelle auch Fremdkörperreaktionen auf die enthaltenen Aluminiumsalze auftreten. Dabei bilden sich unter der Haut Abszesse, so genannte Granulome. Diese Entzündungen können monatelang bestehen bleiben, stark jucken und auch Schmerzen verursachen. Diese chronische Entzündung ist eine mögliche Ursache für die bei Aluminiumhaltigen Impfstoffen diskutierte generelle Schwächung der Abwehrkräfte und eine damit einher gehende höhere Infektanfälligkeit (Siehe Kapitel “Die dunkle Seite”). 

Was sagt der Tetanus Titer aus? 


Nach den international gültigen Standards der WHO werden Titer-Resultate folgendermaßen interpretiert:
Titerhöhe (IU/mL)

Bewertung

< 0,01

Kein Impfschutz

0,01 – 0,1

Impfschutz unsicher, Auffrischung erforderlich

0,11 – 0,5

Impfschutz noch kurzfristig vorhanden, Auffrischung empfohlen

0,51 – 1,0

Impfschutz vorhanden, Auffrischung oder Titerkontrolle nach 3 Jahren empfohlen

1,01 – 5,0

Langfristiger Impfschutz vorhanden, Auffrischung oder Titerkontrolle nach frühestens 5 Jahren empfohlen

5,01 – 10,0

Langfristiger Impfschutz vorhanden, Auffrischung oder Titerkontrolle nach frühestens 8 Jahren empfohlen


In der Literatur wird meist eine tragfähige Immunität mit 0,01 IE/ml angegeben. Aus Sicherheitsgründen wurde jedoch ein zehnfach höherer Wert als der international festgelegte Mindesttiter für eine Tetanusprophylaxe empfohlen. Der „wahre“ Schutzspiegel beim Menschen ist aber nicht genau bekannt, da alle diesbezüglichen Untersuchungen auf Ergebnissen von Tierversuchen beruhen (5). Außerdem verhält sich im Falle einer Tetanusinfektion jeder Mensch anders, weil große Unterschiede im individuellen immunologischen Abwehrverhaltens bestehen.

Kurioserweise zeigen Untersuchungen, dass auch Menschen, die nie eine Impfung erhalten haben, recht hohe Titer erreichen können. Der Hamburger Impfexperte Wolfgang Ehrengut publizierte 1983 eine Untersuchung bei ungeimpften Erwachsenen in Mali (6). Die Titerbestimmung zeigte, dass 43 von 48 ungeimpften Erwachsenen Antikörper gegen Tetanus aufwiesen. Fast die Hälfte davon hatten einen Titer über 0,1 IU/mL und damit nach den offiziellen Kriterien der WHO einen aufrechten Schutz.
Solche Phänomene sind schwer zu verstehen. 

Kürzlich hat mich ein Bekannter kontaktiert, dessen Tochter mit meiner jüngsten Tochter in dieselbe Schule geht. Sein Kind leidet an Diabetes Typ 1. Die Krankheit trat kurz nach einer Tetanus-Auffrischung im Vorschul-Alter erstmals auf. Ein Impfschaden ist zwar nie anerkannt worden, doch er und seine Frau wurden den Verdacht nie ganz los, dass die Impfung etwas mit der Autoimmunerkrankung ihrer Tochter zu tun haben könnte. Ihr zweites Kind war bereits zwei Jahre alt und noch immer nicht geimpft. Und nun zeigte er mir die Resultate ihres Antikörper-Titers. Auch sie hatte mit einem Wert von 0,03 IU/mL ein positives Resultat. „Wie kann das sein, wo sie doch vollkommen ungeimpft ist?“, fragte er und fügte besorgt hinzu: „Wo hat sie sich infiziert?“
Ich sagte ihm, dass es sich dabei wohl nicht um eine Infektion handelt, sondern um einen normalen Kontakt. Das Immunsystem der Kinder reagiert auf alle relevanten Keimen der Umgebung. Manchmal kommt es dabei im Rahmen eines Infektes zu einer deutlich merkbaren Immunreaktion mit Fieber und anderen Krankheits-Symptomen. Noch deutlich öfter verläuft eine Immunreaktion aber unsichtbar. 

Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass sich das Kind meines Bekannten selbst geimpft hat. Und das gilt auch für die Menschen in der Studie aus Afrika. Zum Beispiel indem sie als Babies Steine, Sand oder Erde in den Mund genommen und dabei Bekanntschaft mit den allgegenwärtigen Boden-Bakterien gemacht haben. Oder später über spontanen Kontakt, z.B. bei der Berührung von Tieren oder wenn Erde im Salat oder im Gemüse mitgegessen wird. Dass sich bei diesen natürlichen Vorgängen ein Schutz gegen Tetanus aufbauen kann, ist doch eine schöne Erkenntnis. 

Vielleicht ist das auch der eigentliche Grund für den ungewöhnlich langen Schutz, den die Tetanus-Impfung bietet. Während etwa bei Keuchhusten die Antikörper-Titer binnen weniger Jahre nach der Impfung steil abfallen, halten sich die Antikörper gegen die Tetanus-Toxine extrem lange auf hohem Niveau. Nun steht sogar die empfohlene Auffrischung alle zehn Jahre zur Diskussion.
Neurowissenschaftler der Universität Oregon in Portland, USA, fanden nämlich im Rahmen einer Langzeit-Studie (7) heraus, dass die Halbwertszeit der Tetanus Antikörper bei 14 Jahren liegt und 90 Prozent der Bevölkerung länger als 30 Jahre geschützt bleiben. „Tetanus tritt mit rund drei Todesfälle pro Jahr bei einer Bevölkerung von mehr als 300 Millionen Menschen in den USA extrem selten auf“, schreiben die Autoren der Studie und sie warnen, dass die rund 16 Millionen Tetanus-Impfungen, die jedes Jahr durchgeführt werden eine beträchtliche Anzahl von Nebenwirkungen auslösen. „Das Risiko-Nutzen Verhältnis einer Tetanus Auffrischung nach zehn Jahren, wie es die aktuellen Impfpläne vorsehen, sollte deshalb dringend überprüft werden.“ 
Länder wie Großbritannien haben bereits reagiert und empfehlen für Erwachsene keinerlei Auffrischungs-Impfung mehr. 

Nicht berücksichtigt wurde in der US-Studie, welchen Anteil an der Langlebigkeit des Tetanus-Schutzes der natürliche Kontakt mit den allgegenwärtigen Tetanus-Bakterien hat. Möglicherweise haben wir die eigentliche hoch wirksame Tetanusimpfung ja während der oralen Phase, die alle Kinder durchmachen, längst bekommen. Und unsere Aufgabe als Gesellschaft besteht nur darin, diverse katastrophale Zustände zu vermeiden, wo unbehandelte Granatsplitter oder Schussverletzungen auftreten, gegen die auch eine natürliche Immunität nichts ausrichten kann. 
Dass wir Verletzungen bei unseren Kindern und uns selbst säubern und versorgen, ist wohl ohnehin selbstverständlich. Wenn eine Wunde ernster ist und z.B. genäht werden muss, so werden wir auch weiterhin zum Arzt oder in die Krankenhaus- Ambulanz fahren. 
Ob dann in der Folge die Empfehlung zur Tetanus-Impfung angenommen wird, liegt an uns. 
Wir sollten uns jedenfalls nicht überrumpeln lassen. 
Und für die Wissenschaft wäre es eine lohnende Aufgabe, die natürliche Immunität gegen Tetanus endlich einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ende des Ausschnitts aus dem Kapitel “Tetanus” in “Gute Impfung – Schlechte Impfung“, das im Oktober 2018 im Verlag Ennsthaler erschienen ist. Im Buch folgt noch ein Kapitel mit den möglichen Nebenwirkungen der Tetanus-Impfung sowie eine Einschätzung von Nutzen und Risiko der Impfung sowie ihrer Bedeutung für den Herdenschutz der Bevölkerung und bestimmte Risikogruppen.


[1] Windorfer A. et al. „Immunologie, Soziale Pädiatrie, Kapitel Tetanusschutzimpfung“ S. 718ff; Handbuch der Kinderheilkunde, Springer-Verlag Berlin, Heidelberg 1966

[2] Epidemiology and Prevention of Vaccine-Preventable Diseases

The Pink Book: Course Textbook – 13th Edition, CDC 2015, S. 347

[4] Silvia Klein „Zusammenhang zwischen Impfungen und Inzidenz und Mortalität von Infektionskrankheiten. Zeitreihenanalysen mit

Meldedaten zu Diphtherie, Pertussis, Poliomyelitis und Tetanus von 1892 bis 2011 in Deutschland“ Dissertation aus dem Robert Koch Institut, 2013

[5] J. P. Schröder, W. D. Kuhlmann „Tetanusimmunität bei Männern und Frauen in der Bundesrepublik Deutschland“ Immun. Infekt. 1991; 19: S.14-17

[6] Ehrengut W. et al. „Naturally acquired tetanus antitoxin in the serum of children and adults in Mali“ Immun Infekt 1983; 11(6): S. 229-32

[7] Hammarlund E et al. „Durability of Vaccine-Induced Immunity Against Tetanus and Diphtheria Toxins: A Cross-sectional Analysis“ Clinical Infectious Diseases 2016; 62(9): S.1111–1118

Continua a leggere

Pubblicato in Senza categoria

Peter Aaby: "Wir wissen nichts über die Langzeit-Effekte von Impfungen"

Der dänische Wissenschaftler Peter Aaby bezeichnet sich selbst als “Fan der Masernimpfung”, denn “keine andere medizinische Intervention hat die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern so günstig beeinflusst.” Die Behörden sollten deshalb auf ihre Angst-Kampagnen zur Impfwerbung verzichten – und die Bevölkerung von den positiven Effekten der Lebendimpfungen auf das Immunsystem informieren. Bei inaktivierten Impfstoffen, so Aaby, sei die Situation hingegen vollständig anders. Hier hält er negative Langzeit-Effekte für sehr wahrscheinlich.  
Dieses Gespräch ist der 2. Teil meines Interviews mit Peter Aaby. Teil 1 erschien gestern hier im Blog. 

Peter Aaby – Gründer des “Bandim Health Projects” (Foto: Ehgartner)

Die Behörden werben für die Masernimpfung meist mit Angst-Argumenten, – z.B. mit der Warnung an der sehr seltenen, aber immer tödlichen Masern-Verlaufsform SSPE zu erkranken. Von den positiven Effekten der Lebendimpfungen hört man kaum etwas. Ist das ein Fehler?

Aaby: Ja, definitiv. Sie verwenden die falschen Botschaften, indem sie Angst vor Masern aufbauen. Das mag zutreffen für die Situation in Rumänien, wo in einer sozial schwachen Bevölkerungsgruppe zahlreiche Todesfälle aufgetreten sind. In Wahrheit ist das Risiko ernsthafter Verläufe von Masern heute aber sehr limitiert. Dazu kommt, dass Impfungen sehr wohl Nebenwirkungen verursachen können. Die Eltern befinden sich also in einer schwierigen Abwägung: Sie wissen, dass ernsthafte Verläufe der Krankheit sehr, sehr selten sind – und somit wiegen die möglichen Nebenwirkungen der Impfungen umso stärker. Darauf gründet die zögerliche Haltung vieler Eltern in Europa. Damit zu werben, dass die Masernimpfung positive Effekte für die Gesundheit der Kinder hat, wäre eine gute Idee. Und es gibt dafür mittlerweile ein solides wissenschaftliches Fundament.

Warum verwenden die Behörden dieses Argument nicht? 

Aaby: Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass WHO & Co. dann auch die ungünstigen Effekte mancher Impfungen öffentlich diskutieren müssten. Und das wollen sie vermeiden. Und das ist der Grund, warum sie lieber alle unspezifischen Effekte ausklammern.

Das war auch einer der häufigsten Vorwürfe in den Medienberichten über David Sievekings Film “Eingeimpft”: Der Film erwähnt mögliche ungünstige Effekte von Impfungen und fördert damit Zweifel in der Bevölkerung. Und daran tragen Sie wohl Mitschuld… 

Aaby: Ja, die Situation ist recht absurd. Es gibt wohl niemanden, der bezweifelt, dass Medikamente Nebenwirkungen haben können. Sie werden laufend kontrolliert, eine ganze Menge von Arzneimitteln wurde im Lauf der Jahre vom Markt genommen. Dieses systematische Monitoring gibt es im Bereich der Impfstoffe nicht. Das beschränkt sich meist auf die Sofortreaktionen nach der Impfung: die Schmerzen an der Einstichstelle, die Rötung und die leichte Schwellung. Die Auswirkungen auf den ganzen Organismus werden jedoch kaum verfolgt. Es gibt wenig Kontrolle der negativen Folgen von Impfungen. 

Was müsste passieren? 

Aaby: Wir wissen nichts über die Langzeit-Effekte von Impfungen. Alles müsste überarbeitet werden, es braucht eine Erneuerung des ganzen Systems. Bis dahin müssen wir uns auf kleine Korrekturen beschränken. Und dazu zählt eben der Tipp, eine Impfserie möglichst mit einer Lebendimpfung abzuschließen.

Wie lange hält der positive Effekt der Lebendimpfungen an? 

Aaby: Extrem lang. Wir haben das kürzlich am Beispiel einer Kohorte von rund 50.000 dänischen Kindern untersucht, die in der Phase der Abkehr von den Pocken- und Tuberkulose-Impfungen Anfang der 70er Jahre lebten. Wir verglichen jene, die geimpft worden sind mit den nicht geimpften und fanden einen positiven Effekt, der über vier Jahrzehnte sichtbar war. Jene, die beide Impfungen erhielten, hatten ein um 46 Prozent geringeres Sterberisiko bei den natürlichen Todesfällen. Bei Unfällen, Morden oder Selbstmorden gab es hingegen keinen Zusammenhang.

Und wie steht es um die inaktivierten Impfstoffe? 

Aaby: Ich bin sicher, dass nicht nur die positiven, sondern auch einige der negativen Effekte der Impfungen Langzeit-Konsequenzen haben. Darauf können wir gerne wetten – aber schlagen Sie lieber nicht ein, denn ich werde gewinnen. Wenn die Diphtherie-Tetanus-Pertussis Impfung Kinder in den frühen Lebensjahren töten kann, weil es deren Immunsystem verdreht, wäre es nicht sehr überraschend, wenn diese Impfung auch negative Langzeit-Effekte hat. Künftige Forschung wird zeigen, dass auch einige der chronischen Krankheiten teilweise von Impfungen beeinflusst sind: Immunstörungen ebenso wie Stoffwechsel-Erkrankungen, bestimmte Krebsarten oder Herzkrankheiten. Wir wollen das wissenschaftlich untersuchen und haben dafür Förderungen beantragt.

Was denken Sie denn, ist wichtiger: Die spezifischen oder die unspezifischen Effekte der Impfungen? 

Aaby: Wir haben das in mehreren Studien verglichen. Die BCG-Impfung hat die spezifische Sterblichkeit an Tuberkulose überhaupt nicht beeinflusst – doch die Gesamtsterblichkeit der geimpften Kinder um 38% reduziert.
Die Polio-Schluckimpfung für die Neugeborenen hatte ebenfalls keinen Einfluss auf die Polio-Sterblichkeit – einfach deshalb, weil es in unserer Region keine Kinderlähmung mehr gibt – doch das Sterberisiko der geimpften Babys ging um 32% zurück. 
Die Masernimpfung hat die spezifische Masern-Sterblichkeit um 4% reduziert. Die geimpften Kinder hatten im Studienzeitraum aber eine 26% Reduktion an Malaria, Durchfall oder Lungenentzündung zu sterben.
Wie Sie sehen, sind die unspezifischen Effekte der Impfungen demnach definitiv wichtiger als der spezifische Schutz vor Krankheiten.

Aaby und Mitarbeiter bei der Erhebung der Impfdaten (Foto: Ehgartner)

Immer mehr Länder – wie zuletzt Frankreich oder Italien – setzen verstärkt auf die Impfpflicht und schreiben die Impfung gegen zehn oder mehr Krankheiten zwingend vor. Was halten Sie davon? 

Aaby: Zwangsimpfungen führen zu einer weiteren Polarisierung in diesem ohnehin schon heiklen Bereich. Ich denke, dass gesetzlich vorgeschriebene Impfungen die Impfskepsis in der Bevölkerung erhöhen.

Anfang November feiern Sie das 40-jährige Bestehen des von Ihnen gegründeten „Bandim Health Projects“. Sie haben hunderte Studien in hochrangigen Journalen veröffentlicht. Es gibt kein vergleichbares wissenschaftliches Zentrum, wo über so einen langen Zeitraum Forschung zu den Lebensbedingungen in einem Hochrisikoland betrieben wurde. Wie geht es Ihrem Projekt? 

Aaby: Wissenschaftlich geht es besser und besser. Die Konsistenz unserer Resultate ist unglaublich. Wir haben nunmehr vier Lebendimpfungen, bei denen wir die positiven unspezifischen Effekte nachgewiesen haben. Lebendimpfungen sind ein wichtiger Grund für den Rückgang der Kindersterblichkeit in Guinea-Bissau.
Doch wir haben auch sechs inaktivierte Impfstoffe, die alle mit einem höheren Sterberisiko assoziiert sind. Das sind vollkommen unterschiedliche Impfstoffe, doch sie haben eine Gemeinsamkeit indem sie – speziell bei Mädchen – das Risiko auf nachfolgende Infekte erhöhen. Das ist vollkommen unnatürlich und dem wollen wir wissenschaftlich weiter nachgehen.

Statt Jubiläum Existenzängste: Das Bandim Health Center

Und wie geht es Ihnen wirtschaftlich? 

Aaby: Finanziell ist die Lage katastrophal. Es wird immer schlechter. Obwohl eine Evaluierung durch internationale Experten unsere wissenschaftliche Arbeit kürzlich mit „exzellent“ beurteilt hat, strich man uns aus seltsamen Gründen die staatliche dänische Förderung. Wir bekommen keine laufende Förderung mehr. Vielleicht gibt es da und dort Einzelprojekte. Doch wir müssen uns beträchtlich verkleinern und einschränken.

Peter Aabys Forschungsarbeit wird ausführlich in Bert Ehgartners neuem Buch “Gute Impfung – Schlechte Impfung” porträtiert, das in diesen Tagen an den Buchhandel ausgeliefert wird.  Continua a leggere

Pubblicato in Senza categoria

Peter Aaby: "Mein Versuch, das Impfprogramm zu reparieren"

Der dänische Wissenschaftler Peter Aaby stellt mit seinen Studien zu den Auswirkungen von Impfungen das bisherige Denkgebäude radikal in Frage. Aaby und sein Team zeigten in zahlreichen Studien, dass Impfungen deutlich mehr machen, als nur vor spezifischen Krankheiten zu schützen. Für viel wichtiger hält er deren unspezifischen Auswirkungen auf das Immunsystem. Und die können in zwei Richtungen gehen: Lebendimpfungen – wie die Masern-, die orale Polio- oder die Tuberkulose-Impfung – trainieren das Immunsystem und stärken die Abwehrkräfte. Impfstoffe mit abgetöteten Erregern – wie die Tetanus-, Diphtherie-, oder Keuchhusten-Impfung – haben hingegen einen negativen Effekt – und können gefährlicher sein, als die Krankheiten vor denen sie schützen sollen.

Peter Aaby kritisiert vehement die Impfpolitik der WHO (Foto: Ehgartner)

Dass in den deutschen Medien über “Eingeimpft” – den aktuellen Dokumentarfilm von David Sieveking – ein Sturm der Entrüstung niederging, lag speziell auch daran, dass Aabys Thesen im Film eine zentrale Rolle spielen. Zwar lassen Sieveking und seine Partnerin Jessica de Rooij ihre Kinder am Ende impfen, aber weit weniger und später als laut deutschem Impfkalender empfohlen. Und – nach dem Rat Aabys – mit einer abschließenden Lebendimpfung, welche negative Effekte der Totimpfstoffe halbwegs reparieren soll. Solche negativen Effekte werden von der WHO und den behördlichen Impfexperten nicht anerkannt. Aaby wirft ihnen Ignoranz vor. 


Auch in meinem aktuellen Buch “Gute Impfung – Schlechte Impfung”, das in den nächsten Tagen in den Buchhandel kommt, ist Aabys Forschung ein großes Kapitel gewidmet. Ich verfolge seine wissenschaftliche Arbeit seit fast 20 Jahren und habe Peter Aaby in Guinea-Bissau – in dem von ihm vor 40 Jahren gegründeten “Bandim Health Project” – besucht.

Hier der erste Teil eines Interviews, das ich vor einigen Tagen mit Peter Aaby geführt habe.



Peter Aaby mit der Medizinerin Christine Benn, die das Forschungszentrum leitet (Foto: Ehgartner)

Hat Ihnen der Film “Eingeimpft” von David Sieveking gefallen?

Aaby: Ich habe den Film in Kopenhagen gesehen mit englischen Untertiteln. Er behandelt die Frage, ob man seine Kinder impfen lassen soll, recht ausgewogen und offen in alle Richtungen. Danach gab es eine längere Diskussion mit einer Menge guter Fragen aus dem Publikum. Jemand kritisierte, dass die WHO nicht zu meiner Kritik an deren Impfpolitik gefragt wurde. Doch sie waren schon eingeladen, sie wollten aber nicht Stellung nehmen.

Waren Sie damit zufrieden, dass Davids Kinder am Ende geimpft wurden?

Aaby: Ja, an sich schon. Ich halte es für wichtig, dass die Reihenfolge der Impfungen beachtet wird. Am Ende einer Impfserie sollte stets eine Lebendimpfung gegeben werden.

Kann man Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den „unspezifischen Effekten“ von Impfungen wirklich auf diesen einen Ratschlag an die Eltern eindampfen: “Zuletzt eine Lebendimpfung geben!”
Aaby: Die inaktivierten Impfstoffe schützen vor Krankheiten, die potenziell gefährlich oder sogar tödlich sein können. Insofern ist es gut, hier einen gewissen Schutz zu haben. Es handelt sich allerdings um schlechte Impfungen und sie können negative Konsequenzen haben, die bei vielen Kindern ernsthafter sind, als nicht geimpft zu sein. Mein Vorschlag, eine Lebendimpfung am Ende zu geben, ist eine Art Versuch, das derzeitige Impfprogramm notdürftig zu reparieren. 
Wenn wir beispielsweise dazu raten würden, die Pertussis-Impfung weg zu lassen, würden wir wahrscheinlich einen Sturm der Empörung auslösen, dass wir schuld sind, wenn unzählige Kinder an Keuchhusten sterben.
Tatsache ist, dass derzeit in einigen Ländern – wie den USA aber auch in Europa – so viele Keuchhusten-Fälle auftreten wie zu Zeiten, als noch gar nicht geimpft wurde. Die Impfung scheint also ohnehin nicht zu funktionieren?

Aaby: Die Pertussis-Impfung war schon immer eine schlechte Impfung. Meine Hoffnung liegt auf einem neuen französischen Impfstoff, der lebende abgeschwächte Keuchhusten-Bakterien enthält. Im Tierversuch hat sich gezeigt, dass er positive unspezifische Effekte hat – und es gibt auch bereits einige Studien am Menschen.

Wie steht es um die anderen Impfstoffe? – Manche sind fast 100 Jahre alt. Wäre es Zeit für eine Evaluierung, was heute noch Sinn macht?

Aaby: Das wäre zweifellos eine gute Idee. Ich kann das aus afrikanischer Perspektive aber schlecht beurteilen. Wir haben meist nicht mal die Möglichkeit, Fälle von Diphtherie eindeutig zu diagnostizieren, falls welche auftreten sollten. Wir wissen nicht, wie relevant diese Krankheit heute ist. Auch bei Tetanus wissen wir das nicht wirklich. Wenn wir aufhören zu impfen, könnten eventuell Krankheiten zurückkommen. Was wir jedoch bräuchten wäre eine breite Evaluierung der spezifischen und unspezifischen Effekte aller derzeit verabreichten Impfungen.

Unterstützt die WHO dieses Vorhaben?

Aaby: Die WHO hat ganz andere Pläne. Sie propagiert derzeit die Erfassung der Kinder im zweiten Lebensjahr um hier zusätzliche Gesundheitsinterventionen zu setzen. In Entwicklungsländern definiert sich die gesundheitliche Hilfe vor allem über die Frage, wie viele Impfungen die Kinder bekommen. Und nun sollen eben im zweiten Lebensjahr zusätzliche Impfungen gegeben werden. Geplant ist etwa eine Booster-Dosis von Diphtherie-Tetanus-Pertussis – und Studien haben gezeigt, dass danach die Sterblichkeit ansteigt, speziell bei den Mädchen. – Und nun wollen sie zusätzlich noch eine Meningitis und die Malaria-Impfung einführen. Ebenfalls inaktivierte Impfstoffe mit negativen Effekten. Das sind gefährliche Pläne. Bei der Malaria-Impfung kommt noch dazu, dass die Impfung wahrscheinlich auch einen negativen Effekt auf die Ausbildung einer natürlichen Immunität hat.

Was ist denn dann gefährlicher, die Malaria Krankheit oder die Malaria Impfung?

Aaby: Die Impfung ist eindeutig gefährlicher. Die Studien zeigten bisher  eine bescheidene Wirksamkeit von rund 50% – doch gleichzeitig eine 10 bis 20% höhere Sterblichkeit in der Impfgruppe. Das war zwar nicht signifikant, doch  – wenn die Impfung vor Malaria schützt – sollte man eigentlich annehmen, dass der Trend in die andere Richtung geht und das Sterberisiko sinkt. 
Wir wollten die Daten für beide Geschlechter haben, weil wir wissen, dass Mädchen von den unspezifischen Effekten auf das Immunsystem stärker betroffen sind. Doch wir bekamen sie nicht. Schließlich hat uns doch jemand diese Daten zugespielt. Und wir sahen, dass die Mädchen danach ein doppelt so hohes Sterberisiko hatten. Derzeit laufen neue Studien in Malawi, Kenia und Ghana.

Was denken Sie, ist die biologische Basis dieser unspezifischen Effekte: handelt es sich um immunologische Abläufe, hormonelle Einflüsse oder ist das eine Reaktion auf problematische Zusätze wie die Aluminium-haltigen Wirkverstärker?

Aaby: Ich denke, dass es sich dabei um eine immunologische Reaktion handelt. Das Immunsystem ist ein lernendes System, es speichert Informationen über die gemachten Erfahrungen – und daraus entwickeln sich immunologische Muster für künftige Infekte. 
Einen konkreten Hinweis liefert eine aktuelle holländische Studie mit Medizinstudenten, die für einen Afrika-Aufenthalt eine Gelbfieber-Impfung brauchten. Das ist eine Impfung, die lebende Viren enthält. Ein Teil der Studenten bekam davor die BCG-Impfung gegen Tuberkulose, ebenfalls eine Lebendimpfung mit Bakterien. Es zeigte sich, dass die BCG-Impfung die Art wie das Immunsystem auf den nachfolgenden Kontakt mit den Gelbfieber-Viren reagiert, verändert. Das Immunsystem wurde aktiviert, die gemessene virale Ladung war signifikant geringer.  Hier zeigt sich der grundlegenden Mechanismus der unspezifischen Effekte. 

Bei Lebendimpfungen hat es das Immunsystem mit normalen Viren oder Bakterien zu tun. Bei inaktivierten Impfstoffen wird die Reaktion erzwungen über die Provokation mit chemischen Substanzen, die eine Art Schockreaktion auslösen. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Aaby: Ja, in der Tat. Eine holländische Gruppe hat kürzlich am Beispiel von drei Impfungen gezeigt, dass inaktivierte Impfstoffe das Immunsystem zu einer Art falscher Toleranz verleiten und rasche Reaktionen des angeborenen Immunsystems abschwächen. Adjuvantien auf Basis von Aluminium oder anderer Verbindungen sind wahrscheinlich Teil dieses Prozesses. Dadurch dass es sich nicht um lebende Organismen handelt, induzieren sie wahrscheinlich eine gänzlich andere Vermittlung von Immungedächtnis. Diese Impfungen mögen vor den spezifischen Krankheiten schützen, aber sie schwächen die Abwehrkraft gegen andere nachfolgende Infekte.

Welchen Abstand empfehlen Sie nach der letzten inaktivierten Impfung zur abschließenden Lebendimpfung?

Aaby: Normalerweise wird ein Mindestabstand von vier Wochen empfohlen. Ich denke, dass sechs oder acht Wochen besser wären, weil dann die Masernimpfung ihr volles Potenzial entfalten kann.

Oft hört man das Argument, dass Ihre Resultate in Afrika unter gänzlich anderen Bedingungen erzielt wurden – und nicht auf Europa übertragbar sind.

Aaby: Natürlich sind die Effekte in Afrika stärker, weil dort die Kinder sterben. In Europa können die meisten dieser fatalen tropischen Krankheiten – z.B. Durchfall oder Lungenentzündung – adäquat medizinisch behandelt werden. Wir haben jedoch gezeigt, dass nahezu alle Beobachtungen, die wir in Afrika gemacht haben, in den Einkommens starken Ländern ebenso gelten. Wir zeigten in Dänemark, dass die MMR Impfung das Risiko einer Einweisung ins Krankenhaus wegen einem Atemwegsinfekt signifikant reduziert. Das ist ein klarer unspezifischer Benefit. Die US-Behörde CDC hat kürzlich unsere These ebenfalls getestet und der Effekt in den USA ist sogar noch deutlich stärker: Nach einer Lebendvirus Impfung hatten die Kinder nur ein halb so hohes Risiko auf eine Krankenhaus-Einweisung als nach einer inaktivierten Impfung. Ähnliche Resultate gibt es aus Italien und Holland.

Der dänische Anthropologe Peter Aaby, 73, gründete vor 40 Jahren das “Bandim Health Center” in Guinea Bissau in Westafrika. Er veröffentlichte mit seinem Team Hunderte von Studien zu den Lebensbedingungen in einem Hochrisikoland. Er arbeitet in Kooperation mit dem Statens Serum Institut in Kopenhagen.
Peter Aaby (l.) im Gespräch mit Bert Ehgartner (Foto: Georg Brodegger)

In Teil 2 des Interviews erklärt Peter Aaby seine Haltung zur Impfpflicht und bietet eine Wette an: 
Demnächst hier im Blog. 
Bert Ehgartners Buch “Gute Impfung – Schlechte Impfung” erscheint im Verlag Ennsthaler und wird am 1. Oktober an den Buchhandel ausgeliefert. Es hat 420 Seiten und kostet 24,90 €.

Continua a leggere

Pubblicato in Senza categoria

Neues Buch: Gute Impfung – Schlechte Impfung

Während der letzten Monate habe ich an einem Buch zum Thema Impfen gearbeitet.
Das Manuskript ist nun fertig – und in der Druckerei. Journalisten, die sich für Rezensionsexemplare interessieren, können diese beim Verlag Ennsthaler bestellen.
Und so sieht das Buch aus:
Bert Ehgartners neues Buch kommt Anfang Oktober in den Buchhandel

Die Impfthematik interessiert mich seit langem und es ist sowas wie mein berufliches Spezialgebiet geworden. Ich hatte immer mal wieder Teilaspekte in meinen Filmen und Büchern und habe über die Jahre (u.a. hier im Blog) auch zahlreiche Artikel dazu geschrieben.
Doch ein monothematisches Buch zum Impfen gab es von mir noch nie. Nun ist es soweit: Ende September erscheint auf rund 400 Seiten „Gute Impfung – Schlechte Impfung“ im Verlag Ennsthaler.

Weil Impfungen immer auch “Kinder ihrer Zeit” sind, war es für die traditionsreichen älteren Impfungen notwendig, tief in die historischen Archive zu steigen. Ich habe dazu viele Wochen recherchiert und es war extrem spannend, die Hintergründe und die ersten Erfahrungen mit solchen legendären Impfstoffen wie jener gegen Kinderlähmung oder Tetanus aus der zeitgenössischen Sicht der damaligen wissenschaftlichen Debatte neu zu beleuchten.

Ich habe versucht, alle gebräuchlichen Impfungen – sowie auch das behördliche und wissenschaftliche Rundum – einer ebenso sorgfältigen wie kritischen Analyse zu unterziehen – so als wäre „das Impfen“ ein ganz normaler Teil der Wissenschaft – was es meiner Meinung nach auch sein sollte.
Das Impfwesen ist keine „Heilige Kuh“. Ich finde es gefährlich, wenn in der öffentlichen Diskussion immer so ein großer Respektabstand gehalten wird, um nur ja die „Impffreudigkeit der Bevölkerung“ nicht zu gefährden. Das fördert Trägheit bei den Behörden und Arroganz bei den Herstellern. Wohin das Gefühl, man werde nicht mehr kontrolliert, führen kann, haben wir zuletzt am Beispiel der deutschen Autoindustrie und dem Abgas-Skandal gesehen.

Persönlich stehe ich dem Impfen neutral gegenüber. Ich bin weder Impfgegner noch unkritischer Befürworter. Doch ich finde, dass bei Impfungen besonders hohe Ansprüche an deren Sicherheit zu stellen sind: Eben weil sie einen präventiven Eingriff an zumeist gesunden Menschen darstellen. Und deshalb sollten sie mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft werden: damit die Geimpften nach dem Arzttermin genauso gesund sind wie davor.

Sie werden im Buch sehen, dass dies bei manchen Impfungen nicht der Fall ist und weder Wirksamkeit noch Sicherheit den Ansprüchen eines modernen Verbraucherschutzes genügen.
Bei anderen Impfungen – wie beispielsweise der Masernimpfung – gibt es hingegen zusätzliche positive Aspekte, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Anstatt die Eltern mit Angstmache zum Arzt zu treiben, wäre es wohl für viele Eltern interessant, mehr von diesen positiven Eigenschaften zu erfahren.

Freut Euch also auf ein kritisches Buch, das zahlreiche Überraschungen birgt.

Rezensionswünsche bitte an Frau Mag. Ingrid Führer (e-mail). Bei Interesse an Veranstaltungen / Vorträgen / Diskussionsrunden zum Thema ist die Ansprechpartnerin Frau Geraldine Schirl-Ennsthaler (e-mail).

Continua a leggere

Pubblicato in Senza categoria

Die Entlarvung des Fett-Mythos

Im Bereich der Ernährung wimmelt es von falschen Ratschlägen. Einige davon können durchaus lebensgefährlich sein. 



Der Kult ums Essen zieht eigenartige wissenschaftliche Propheten an (cc_Foto: Joshua Rappeneker)

Der mit Abstand am meisten gelesene Artikel des Jahres 2017 im britischen Medizinjournal „The Lancet“ war die Veröffentlichung der Resultate der PURE-Studie. Diese bislang ehrgeizigste Ernährungsstudie untersuchte den bereits zehn Jahre andauernden Streit, was nun problematischer für die Gesundheit ist: Fett oder Kohlenhydrate?

Als Teilnehmer fungierten insgesamt 135.335 gesunde Menschen im Alter zwischen 35 und 70 Jahren, die in 18 verschiedenen Ländern angeworben wurden. Ihre Ernährungsgewohnheiten wurden über einen Zeitraum von durchschnittlich sieben Jahren penibel aufgezeichnet. Die Sponsoren der Studie hatten weder Einfluss auf das Design noch auf die Auswertung.

Die Resultate der Studie waren eindeutig: Die Gruppe mit dem höchsten Anteil an Kohlenhydraten hatte im Vergleich zu einem niedrigen Konsum von Kohlenhydraten ein um 28 Prozent höheres Gesamt-Sterberisiko. Genau umgekehrt verlief der Trend beim Fettkonsum: Ein hoher Fett-Konsum wirkte lebensverlängernd. Dies bezog sich sowohl auf die einfach- wie die mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Ebenso jedoch auch auf die viel geschmähten gesättigten Fettsäuren, die meist aus tierischen Produkten stammen. Ein hoher Anteil erwies sich sogar als speziell protektiv gegen Schlaganfälle.

Die Resultate der PURE-Studie bedeuten eine neuerliche schwere Niederlage für die internationalen Ernährungs-Gesellschaften, die nach wie vor in ihren Richtlinien den Fettanteil auf weniger als 30 Prozent – den Anteil der gesättigten Fette auf weniger als 10 Prozent beschränken.

Bereits davor hatten zahlreiche kleinere Studien angedeutet, dass die Politik der „Light-Welle“ mit der Verteufelung von Fett und der Aufwertung des Zucker-Anteils in Lebensmitteln, die seit den 1980er Jahren das Angebot der Supermärkte bestimmt, fatale Konsequenzen hat. Ausgehend von den USA eroberten denaturierte, hoch verarbeitete Lebensmittel den weltweiten Markt. Sie konnten extrem billig produziert werden und boten der Industrie eine hohe Gewinnspanne. Und mit Hilfe der Ernährungswissenschaften konnten sie nun sogar einen gesundheitlichen Bonus vorgaukeln.

Der Industrie verpflichtet
Kaum ein Bereich der Wissenschaft hat sich derart schamlos ihren Geldgebern angedient wie die Ernährungsexperten. Seit Jahrzehnten versteht sich ihre Elite als Handlanger der Nahrungsmittelindustrie. Manche ihrer Richtlinien zur “gesunden Ernährung” sind schlicht gemeingefährlich. Die katastrophalen Folgen ihrer Ratschläge sieht man am besten in den USA, wo die Kumpanei zwischen Wissenschaft, Industrie und gekaufter Politik am besten organisiert ist: im Land der Fetten.

Innerhalb von 30 Jahren ist ein ganzes Land – von international halbwegs normalen Werten zur Mitte der 80er Jahre – gewaltig in die Breite gegangen. Jedes fünfte High-School-Kid passt nur noch in XXL-Klamotten und watschelt wie eine Ente vom Schulbus zur Haustür. Und wer sich gewichtsmäßig einmal auf der Überholspur befindet, kommt kaum noch herunter. Die Zahl der Amerikaner mit extremer Fettsucht – einem BMI (Body Maß Index) über 40 – hat sich vervierfacht. Immer mehr US-Krankenhäuser erwägen den Erwerb veterinärmedizinischer Untersuchungsgeräte oder fahren mit ihren Problempatienten gleich in den Zoo. Und dort wird der Zwei-Zentner-Mann dann per Kran in die Röhre des CT gehievt – sobald das kranke Rhinozeros mit der Untersuchung fertig ist.

Kohlehydrate-Mast nach wissenschaftlichem Ratschlag (Foto: pixabay.com)

In Gang gesetzt wurde dieser Trend mit einer weltweiten Kampagne gegen Fett. Besonders des Teufels war tierisches Fett und die in Butter oder Schweineschmalz vorherrschenden “gesättigten Fettsäuren”. In den Ernährungsratgebern wurde empfohlen, großflächig auf Kohlenhydrat-reiche Nahrungsmittel auszuweichen und “herzgesunde” Margarine zu verwenden. Hätten die “Experten” etwas genauer recherchiert, wären sie auf die alten Rezepte der Landwirte gestoßen, die seit langem wussten, dass ihre Schweine und Ochsen am raschesten mit einer Kohlenhydrate-Mast zunehmen. Und so geschah es dann auch bei den Menschen.

Millionen Todesfälle durch künstliches Fett
Das “böse” tierische Fett wurde durch billige Pflanzenöle von Mais, Raps und Sonnenblume ersetzt. Dumm nur, dass dies flüssig und deshalb schwer zu verarbeiten war. Doch auch hier kam Hilfe von der Wissenschaft: Wird das Öl auf über 200 Grad erhitzt und dann unter hohem Druck mit Wasserstoff “beschossen”, so werden die Fettsäuren gesättigt und damit gehärtet. Das bequeme daran ist, dass man diesen Prozess jederzeit stoppen und den Kunden die geeignete Konsistenz liefern kann. Leider entstehen dabei – als eine Art Betriebsunfall der Härtung – künstliche Fette, so genannte Transfette. Sie können vom Organismus nur schlecht abgebaut werden und verursachen Entzündungen in den Blutgefäßen mit allen dramatischen Folgen. Noch bis in die 90er Jahre bestand Margarine bis zu einem Drittel aus Transfetten. Erst in den letzten Jahren wurde der Anteil an Transfetten in der EU streng begrenzt. Doch der angerichtete Schaden ist nicht mehr gut zu machen: “Wahrscheinlich”, so Walter Willett von der Harvard University in Boston, “sind weltweit Millionen von Menschen vorzeitig gestorben, weil unsere Nahrung zu viele Transfette enthält.”

Doch viele andere – ähnlich problematische – Ratschläge der Ernährungswissenschaft sind nach wie vor in Kraft. Etwa die lukrative Hetze gegen “gefährliches Cholesterin”, mit der über den Verkauf entsprechender “Cholesterinsenker” Milliardenumsätze erzielt werden. Oder die Behauptung, dass Bauchfett besonders gefährlich wäre. Oder der Ratschlag, dass helles Fleisch (z.B. Geflügel) gesünder sei als rotes Fleisch (z.B. Rind).

Immer häufiger zeigt es sich, dass die Studien, auf denen diese Aussagen basieren, gespickt mit Fehlern waren. Werden sie über gut gemachte Arbeiten wiederholt, kommen ganz andere Resultate raus. Wie beispielsweise die groß angelegte europäische Studie zum Zusammenhang von Ernährung und Krebs, die von der Epidemiologin Sabine Rohrmann und ihrem Team der Universität Zürich koordiniert wurde. In den Resultaten zeigte sich kein Unterschied, ob jemand mehr Geflügel- oder Rindfleisch konsumierte. Sehr wohl einen Nachteil hatten hingegen Personen mit einem dauerhaft hohen Konsum von verarbeiteten Fleischprodukten. Bei ihnen war sowohl das Risiko von Krebs als auch von Herzkrankheiten signifikant höher. Die Wissenschaftler raten deshalb dazu, im täglichen Schnitt nicht mehr als 20 Gramm verarbeitete Fleischprodukte (z.B. Hot Dogs, fertige Fleisch-Saucen, Hühner-Nuggets, Streichwurst, etc.) zu essen.

Wie soll man nun aber essen, was ist wirklich gesund? Aus Studien mit Hundertjährigen weiß man, dass sie vor allem eines gemeinsam haben: Ihr Blutzuckerspiegel ist gering und sie haben verblüffend niedrige Insulinwerte. Es macht also Sinn, die Ernährung in diese Richtung auszuwählen und zu optimieren. 

Näheres dazu im ausführlichen Ernährungs-Kapitel meines Buches “Der Methusalem-Code“.

Continua a leggere

Pubblicato in Senza categoria

Niedrige Blutdruck-Grenzwerte bringen Senioren in Gefahr

Im Vorjahr beschloss die einflussreiche US-amerikanische Herzgesellschaft sowie die Kardiologen-Vereinigung die Einführung neuer Leitlinien für die Behandlung von Bluthochdruck. Sie sind derzeit noch nicht allgemein gültig, doch es gibt eine starke Lobby, die auch in Europa für eine straffere Behandlung eintritt. Kein Wunder, denn das würde Abermillionen von neuen Patienten schaffen, wie eine aktuelle Studie des British Medical Journal nun offen legt. Ob diese Maßnahme die Herzgesundheit erhöht, wie die US-Experten erklären, ist zweifelhaft. Speziell auch unter dem Eindruck einer kürzlich veröffentlichten Studie, die bei alten Menschen sogar ein höheres Sterberisiko feststellte, wenn der Blutdruck zu sehr gesenkt wird.
Bluthochdruck erfüllt auch einen biologischen Zweck (Foto: pixabay.com)

“Bluthochdruck ist eine der hauptsächlichen Ursachen für Schlaganfall und Herzinfarkt.” So steht es in zahlreichen Medizinlexika und -journalen. Ich habe diese Ansicht nie verstanden, denn der Bluthochdruck ist ja keine Infektionskrankheit, mit der man sich anstecken kann. 
Wodurch entsteht denn Bluthochdruck? Wohl aus der Absicht des Organismus, auch noch die entlegensten Gliedmaßen mit Blut – und damit mit Nahrung und Sauerstoff zu versorgen. Und wenn das Kreislaufsystem mit verengten Gefäßen, etc. Probleme macht, dann wird eben der Druck erhöht. 
Wenn in diese vom Organismus selbst gewählte Balance von außen mit Hilfe von Medikamenten eingegriffen wird, so hat das nicht automatisch nur Vorteile. Zwar wird Druck aus dem System genommen und damit das Risiko gesenkt, dass Gefäße platzen oder ähnliche Überlastungsreaktionen passieren. Andererseits wird aber das grundlegende Problem nicht gelöst – die Engstellen werden nicht beseitigt. Und neben den sonstigen Nebenwirkungen der Medikamente besteht auch noch das Risiko, dass es zur Unterversorgung der Organe und Gliedmaßen kommt.
Das zeigen auch die Symptome vieler Menschen, die erstmals Blutdruck-Medikamente einnehmen: Sie werden leichter müde, haben weniger Energie, erleiden insgesamt einen Einschnitt in die Lebensqualität. Es gilt also die Vor- und Nachteile sorgsam abzuwägen. 
Vorteile von hohem Blutdruck
Neue Argumente für diese Debatte liefert eine gut gemachte Studie von Wissenschaftlern aus der Schweiz und den Niederlanden, die im Mai erschienen ist. Sie werteten dafür Daten eines Projektes der medizinischen Universität Leiden aus, das organisiert wurde um die Gesundheit der sehr alten Menschen zu untersuchen. Zur Teilnahme wurden alle Menschen der Stadt Leiden eingeladen, die das Alter von 85 Jahren erreichten. 570 Senioren gaben ihr Einverständnis und machten mit. Beinahe die Hälfte der alten Menschen bekam Medikamente gegen hohen Blutdruck.

Im Lauf der nächsten fünf Jahre starben 46% der Teilnehmer. Und die Auswertung birgt einige Überraschungen. Denn unter jenen, die Medikamente bekamen, hatten Personen mit einem systolischen Druck über 170 mmHg das geringste Sterberisiko. Mit jedem Abfall von 10 mmHg am Blutdruck-Messgerät nahm ihr Sterberisiko jedoch um 29% zu. 
Auch bei jenen, die keine Blutdruck-Medikamente bekamen, hatten Personen mit hohen Werten einen tendenziellen Vorteil gegenüber der Gruppe mit niedrigen Werten. Doch dies blieb knapp unter der Grenze zur Signifikanz.
Medikamente fördern das Demenzrisiko (Foto: pixabay.com)
Geistiger Abbau
Dramatisch waren auch die Auswirkungen der Medikamente auf die kognitiven Fähigkeiten. Zu Studienbeginn waren die Gruppen noch ausgewogen. Im zeitlichen Verlauf zeigten die Patienten mit den niedrigsten Blutdruckwerten den stärksten geistigen Abbau. Ein deutlicher Zusammenhang bestand hier auch mit körperlicher Gebrechlichkeit. Sie wurde mit einem Gerät zur Messung der Stärke des Händedrucks eingeschätzt. Bei Personen ohne Blutdruck-Medikamente ergab sich weder ein messbarer Unterschied zwischen hohem und niedrigem Blutdruck noch mit der Körperkraft. 
Dass niedriger Blutdruck ein relevantes Risiko für sehr alte Menschen bedeutet, haben bereits einige andere Studien zuvor gezeigt. Doch der Zusammenhang mit Blutdruck-Medikamenten ist eine neue Entdeckung. Die Studienautoren empfehlen deshalb der Ärzteschaft, bei Patienten im Alter ab 80 Jahren achtsam zu sein – und speziell bei geringer Übersteigung der Grenzwerte nicht automatisch Medikamente zu verschreiben. 
Verdoppelung der Patientenzahl
Genau hier würden aber die neuen Leitlinien ansetzen, die von den US-Ärztegesellschaften erstellt wurden. Bisher ist Bluthochdruck ab einem durchschnittlichen systolischen Wert von 140 mmHg sowie einem diastolischen Wert ab 90 mmHg diagnostiziert worden. Die Definition soll nach den neuen Leitlinien nun auf Werte ab 130/80 mmHg erweitert werden.
Die Autoren der Studie im aktuellen BMJ errechneten, dass diese Vorgaben die Zahl der Patienten im Alter von 45 bis 75 Jahren um mehr als 50 Prozent erhöhen würde. Außerdem würde ein relevanter Teil der bisher bereits behandelten Patienten eine Intensivierung der Therapie erhalten. “Für diese Empfehlungen gibt es keine solide wissenschaftliche Basis”, kritisieren die Autoren – ein Team von Experten aus den USA und China. 
Und ich ergänze noch – auch im Sinne der Schweiz-Holländischen Wissenschaftler – dass es höchste Zeit wäre, die bestehenden Richtlinien einer strengen Prüfung zu unterziehen. Denn dass Blutdruck-Medikamente das Demenz- und Sterberisiko der Patienten erhöhen, ist wohl das Gegenteil einer sinnvollen Therapie. 

Continua a leggere

Pubblicato in Senza categoria

Impfzentrale Schilda meldet: "Alles okidoki!"

“Viel Impfen schadet dem Immunsystem nicht”, freut sich die Ärztezeitung in ihrer heutigen Ausgabe. Wer sich die im Journal der US-Ärztegesellschaft (JAMA) publizierte Studie ansieht, auf der dieser Artikel basiert, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Offenbar hat sich im Impfwesen nach und nach eine Logik der Selbstbestätigung etabliert, die jener der Schildbürger immer ähnlicher wird. Dafür haben sich die Wissenschaftler ein Design ausgedacht, das absolut wasserdicht gegen unerwünschte Resultate ist. 


Antigene sitzen an der Oberfläche von Keimen – sie lösen Immunreaktionen aus
Eine große US-Versicherung wollte im Verbund mit der US-Behörde CDC untersuchen, ob viel geimpfte Kinder anfälliger gegen Infekte sind als wenig geimpfte. Anlass für die Studie waren öffentlich geäußerte Sorgen über das intensive Impfprogramm. Während der letzten dreißig Jahre ist die Anzahl der empfohlenen Baby-Impfungen in den USA von drei auf zehn angestiegen. Mit den für die Grundimmunisierung notwendigen Dosen kommen US-amerikanische Kinder damit auf dreißig oder mehr Einzelimpfungen. Damit sollen 14 Krankheiten verhindert werden. 
Die Autoren schreiben: “Manche Eltern glauben, dass die Vielzahl der früh gegebenen Impfungen das Immunsystem der Babys überfordern könnte und diese häufiger krank sind.” Immerhin 10 bis 15 Prozent der Eltern, so die Studienautoren, verschleppen deshalb den Impfbeginn oder weichen überhaupt auf individuelle Impfpläne aus. 

Die Studie war offenbar dafür gedacht, diesen bösen Verdacht zu prüfen und zu widerlegen. 

Und das ging so: 
  • Die Studienautoren nahmen rund 580.000 Datensätze aus ihrer Datenbank, Kinder mit Geburtsjahr zwischen 2003-2013. Erste Bedingung war, dass die Kinder in ein öffentliches Gesundheits-Programm eingeschlossen waren. 
  • Aus dieser Grundgesamtheit wurden 84.349 Kinder ausgeschlossen – und zwar jene, die zu wenig zum Arzt gingen und jene, die ungewöhnliche Impfungen erhalten hatten.
  • Aus der verbliebenen Studiengruppe wurden per Zufall 385 Fälle ausgewählt. Ihre Krankenakten wurden näher untersucht. Übrig blieben 193 Fälle, die wegen nicht-impfbarer Infekte in der Notfall-Ambulanz eines Krankenhauses gelandet waren. Sie bildete die Studiengruppe.
  • Ihr wurde eine Kontrollgruppe von 751 gleichaltrigen Kindern zugelost
Es wurden also zwei Gruppen mit sehr ähnlichem Hintergrund gebildet – zu viel, zu wenig oder ungewöhnlich geimpfte Kinder wurden ausgeschlossen.
Seltsamer Vergleich
Als Maß für die Menge an Impfungen, welche die Kinder erhalten hatten, wurde nicht die Anzahl der erhaltenen Impfungen genommen. Das wäre offenbar zu logisch gewesen.
Es wurde auch nicht die Menge der problematischen Zusatzstoffe genommen (z.B. die Menge der aluminiumhaltigen Wirkverstärker). Auch dies wurde nicht als nötig oder sinnvoll betrachtet.

Stattdessen wurde die Summe der verschiedenartigen Antigene berechnet, welche die Kinder im Lauf ihrer Impfungen erhalten hatten.

Als Antigene werden jene Teile von Fremdkörpern bezeichnet, die eine immunologische Reaktion auslösen. Meist handelt es sich dabei um Proteine, Kohlenhydrate oder Lipide welche an der Oberfläche von Viren oder Bakterien sitzen. Das heißt aber nun überhaupt nicht, dass diese Antigene toxisch sind oder von ihnen eine besondere Gefahr ausgeht. Es heißt nur, dass sie von Zellen des Immunsystems bzw. den Antikörpern erkannt werden. Antigene sind die Wirkstoffe der Impfung – ohne Antigene keine spezifische Immunreaktion.

Die verschiedenen Impfungen enthalten eine vollständig unterschiedliche Anzahl von Antigenen. Die Hepatitis B Impfung beispielsweise nur ein einziges: Das Hepatitis B Oberflächenantigen.

Die Hib Impfung enthält zwei Antigene, die Dreier-Kombi gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten je nach Präparat vier bis sechs Antigene. 
Lebendimpfstoffe hingegen enthalten deutlich mehr Antigene. Mit der Rotavirus Schluckimpfung nehmen die Babys 16, mit der MMR-Impfung 24 Antigene auf. Spitzenreiter ist die Windpocken-Impfung. Sie bringt es auf 69 Antigene.
Eine Windpocken-Impfung zählt in der Logik der Studienautoren demnach so viel wie 69 Hepatitis-B Impfungen. 
Keine Unterschiede
Nach ihrer Vorauswahl der nach Plan geimpften Kinder stellten die Studienautoren fest, dass die Gruppe der Kinder, die wegen Infekten im Krankenhaus gelandet war, sich kaum von der Kontrollgruppe unterschied. Beide Gruppen hatten etwa gleich viele Antigene erhalten. Und beide Gruppen hatten ein gleich großes Risiko auf Infekte.
Auch wenn man jenes Zehntel der Impflinge, die am wenigsten Antigene erhalten hatte mit dem Zehntel mit den meisten Antigenen verglich, gab es keine signifikanten Unterschiede.
Daraus schlossen die Autoren, dass die Anzahl der Antigene keinen schädlichen Einfluss auf das Immunsystem hat. Und daraus leiten wiederum die Fachjournalisten der Ärztezeitung die oben erwähnte beruhigende Aussage ab, dass “viel Impfen dem Immunsystem nicht schadet”.

Was sagt die Studie wirklich aus?

Peter Leiner, der Autor des Artikels in der Ärztezeitung ergänzte seinen Artikel mit einem Kommentar, in der er die Studie als “Argument fürs Impfen” bezeichnete. “Immer noch befürchten einige Eltern, dass Mehrfachimpfstoffe oder ganz allgemein viele Impfungen dem Immunsystem ihres Kindes schaden könnten”, erklärt er. “Dass dem nicht so ist, bestätigt jetzt eine große US-Studie: Darin wurde die Anzahl nicht-impfpräventabler Infektionen bei viel geimpften Kindern und bei wenig oder gar nicht geimpften Kindern miteinander verglichen.”
Das Ergebnis ließe sich zweifellos auch auf Deutschland übertragen, schrieb Leiner und schloss seinen Kommentar mit der Forderung, es “sollte noch mehr getan werden, um Eltern versichern zu können, dass auch Mehrfachimpfungen sicher sind.”

Spätestens mit diesem Kommentar wird deutlich, dass Leiner die Studie gar nicht verstanden hat und offenbar meint, dass eine Mehrfach-Impfung mehr Antigene enthält als eine Einzelimpfung und die Anzahl der Antigene eine Messlatte für die Anzahl der Impfungen ist. 

Die korrekte Interpretation der Studie hätte gelautet: “Wenn man stark geimpfte Kinder nach einem vollkommen absurden Mess-System mit anderen stark geimpften Kindern vergleicht, erkennt man wenig Unterschiede.”

Continua a leggere

Pubblicato in Senza categoria

Fieber macht Sinn

Wer fiebert braucht Bettruhe, fühlt sich abgeschlagen, erschöpft und „richtig krank“. Dennoch ist das Fieber selbst keine Krankheit. Ganz im Gegenteil. Fieber wird vom Organismus im Rahmen des Heilungsprozesses eingesetzt, um dem eigenen Immunsystem die besten Arbeitsbedingungen zu schaffen. Dessen ungeachtet lebt eine ganze Industrie davon, Fieber zu senken. Mit teils gravierenden Folgen für die Gesundheit.

„Mütter nehmen sich nicht frei“, heißt es in der TV-Werbung für Wick – DayMed. Und statt sich mit Schüttelfrost und Gliederschmerzen ins Bett zu legen, sieht man die spontan genesene Mama, wie sie fröhlich mit ihrer Tochter einen Schneemann baut. Aspirin Complex wirbt mit 94% zufriedenen Kunden, Grippostad C mit gleich vier Wirkstoffen. Und überall wird suggeriert, dass die Medikamente das Fieber anstandslos beseitigen – und damit die Heilung beschleunigt wird. Tatsächlich stehen zahlreiche Medikamente zu Verfügung, mit denen sich die erhöhte Körpertemperatur rasch wieder auf ein normales Niveau bringen lässt. So wirft man schnell ein Thomapyrin oder Fibrex ein oder gibt dem Kleinkind ein Nurofen-Zäpfchen. Die Frage ist bloß, ob das auch tatsächlich eine gute Idee ist.

Auch bei gesunden Menschen schwankt die Körpertemperatur teils beträchtlich – meist im Bereich zwischen 35,8 und 37,2 Grad. Allein die Stelle, wo gemessen wird, kann einen Unterschied von rund einem Grad ausmachen. Am niedrigsten sind die Werte unter der Achsel, etwas höher bei oraler und deutlich höher bei rektaler Messung. Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle. Am frühen Morgen kann die Temperatur um ein Grad unter den Messwerten des Abends liegen, ohne dass eine Krankheit vorliegt. Gutes Essen treibt die Körperwärme ebenso in die Höhe wie bei Frauen der Eisprung. Doch ohne Vorliegen einer Krankheit ist spätestens bei 38 Grad (rektal gemessen) Schluss – und erst darüber spricht man von Fieber.

Das Immunsystem verschafft sich bessere Arbeitbedingungen

Fieber ist nicht selbst die Krankheit, sondern ein Symptom, eine Reaktion auf interne Abläufe im Organismus: Den konkreten Anlass geben Aktivitäten des Immunsystems, die auf äußere Einflüsse – etwa eine Infektion mit Viren oder Bakterien, oder interne Signale auf Krankheitsherde reagieren.

Im Zuge der Heilungsreaktion wird unter anderem die Bildung von Prostaglandinen angekurbelt. Prostaglandine sind hormonelle Wirkstoffe und erfüllen im Organismus zahlreiche lebensnotwendige Aufgaben – unter anderem fungieren sie auch als Botenstoffe. Sie vermitteln dem im Zwischenhirn angesiedelten Hypothalamus, der als „Thermostat unseres Körpers“ fungiert, dass eine Erhöhung der Temperatur notwendig ist. Dadurch werden die Arbeitsbedingungen des Immunsystems in wesentlichen Bereichen verbessert. Fieber steigert die Tätigkeit des Abwehrsystems, indem es die Ausschüttung verschiedener Botenstoffe und Hormone forciert, die am Immungeschehen beteiligt sind. Dieser Prozess ist hochkomplex, im Detail noch nicht gänzlich erforscht. Dass Fieber auch Bakterien und Viren abtötet ist jedoch falsch.

Die Wirkung des Fiebers auf Mikroorganismen ist eine indirekte und basiert auf der Aktivierung des Immunsystems. Der Hitze selbst halten die meisten Keime dagegen problemlos stand.

Dass gerade eine Heilung im Gange ist, bemerken die Betroffenen nicht. Im Gegenteil: Fiebern ist anstrengend, denn das Aufheizen des Organismus verbraucht eine Menge Energie. Die Herzfrequenz steigt, die Durchblutung in der Haut erhöht sich und der Organismus gerät kräftig ins Schwitzen. Ein schweres Krankheitsgefühl setzt ein. Nebenher verstärken die dabei involvierten Nerven das Schwäche- und Schmerzempfinden. Das stärkt natürlich den Wunsch, dass die Krise mit medikamentöser Hilfe rasch wieder vorbei geht.

Doch diese heftige Reaktion macht schon Sinn. Dabei handelt es sich um eine im Lauf der Evolution eingeführte Rückkoppelung, welche dazu führt, dass kranke Lebewesen mit akuter Entzündung sich zurückziehen und ruhen, damit dem Heilungsverlauf nicht unnötig Energie entzogen wird.

Fiebersenker stören interne Kommunikation
Interessant ist nun die Wirkungsweise der Fiebersenker. Fiebersenker und Schmerzmittel aus der Klasse der nicht-steroidalen Entzündungshemmer wie Acetylsalicylsäure (Aspirin), Ibuprofen oder Diclofenac greifen in diesen wichtigen Reparaturmechanismus ein. Die Medikamente stören für einige Stunden die Herstellung aller Prostaglandine, nicht nur jener die für die als negativ empfundenen Symptome zuständig sind. Dadurch ergibt sich das Risiko zahlreicher Nebenwirkungen, speziell bei Überdosierung oder chronischem Missbrauch.

Interessante Resultate brachte auch eine im Oktober 2017 veröffentlichte Studie, die in der Notfall-Ambulanz der Kinderklinik Philadelphia durchgeführt wurde. Eingeschlossen waren etwas mehr als 22.000 Patienten mit nicht ernsthaftem Fieber. Etwas mehr als die Hälfte der Kinder erhielt – bei ansonsten weitgehend gleichem Krankheitsbild – fiebersenkende Mittel, entweder Paracetamol (38%), Ibuprofen (19%) oder beides. Die andere Hälfte erhielt keine Fiebersenker.

Unterschiede im Behandlungsablauf wie Röntgenaufnahmen und ähnliches wurden in der Auswertung berücksichtigt. Auch auf Alter, Antibiotika, etc. wurde kontrolliert, so dass in den Resultaten möglichst der pure Effekt der Fiebersenkung übrigblieb. Und der war enorm:

Kinder, deren Fieber gesenkt wurde, hatten einen signifikant längeren Aufenthalt in der Klinik. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie mehr als zwei Stunden bleiben mussten, lag beim Doppelten der unbehandelten Kinder. Den mit Abstand längsten Aufenthalt hatten jene Kinder, die beide Medikamente bekamen.

Fiebersenker sind jene Medikamente, die in Kinderkliniken am raschesten gegeben werden. Im Schnitt dauert es 54 Minuten von der Aufnahme bis zur Verabreichung des ersten Fiebersenkers. Wenn die Kinder unter Schmerzen leiden, aber keine erhöhte Temperatur haben, müssen sie hingegen deutlich länger – nämlich durchschnittlich 83 Minuten – warten, bis sie ein Medikament bekommen. „Dass Fieber so deutlich rascher behandelt wird als Schmerz hat mit den vorherrschenden Meinungen der Ärzte zu tun, dass es sich bei Fieber um das deutlich ernsthaftere Symptom handelt“, erklären die Studienautoren und fügen hinzu: „Medizinisch ist dieses Vorgehen unbegründet.“

Wenn schon Fiebersenker, so die aktuellen medizinischen Leitlinien zum Fieber-Management, so sollten diese oral gegeben werden. Bei der rektalen Gabe kommt es häufiger zur Überdosierung. Verschiedene Wirkstoffe sollten nicht kombiniert werden. Gänzlich verworfen wird die Praxis mancher Ärzte, den Eltern nach einem Impftermin Fiebersenker vorsorglich mitzugeben. Diese sind, wie zahlreiche Studien belegen, auch ungeeignet, um Fieberkrämpfen vorzubeugen.

Siegeszug von Paracetamol
In den 1960er Jahren berichtete der australische Mediziner Ralph D.K. Reye über Kinder, die nach der Gabe von Aspirin eine akute Schädigung von Gehirn und Leber erlitten haben.

Diese Problematik ging als „Reye Syndrom“ in die Medizinliteratur ein. Die Zusammenhänge wurden nie wirklich im Detail aufgeklärt und auch über die Häufigkeit des Auftretens dieses Syndroms herrscht Unklarheit. In Deutschland gab es während der letzten Jahrzehnte nur eine Handvoll gesicherter Fälle. Dennoch führten diese Warnungen dazu, dass bei Kindern massiv von der Gabe von Aspirin abgeraten wurde. Speziell im angloamerikanischen Raum wird bis heute vorwiegend Paracetamol verwendet.

Anders als Aspirin oder Ibuprofen wirkt Paracetamol nicht über die Hemmung der Prostaglandine, sondern über direkte Zugänge zu Gehirn und Rückenmark. Wie das jedoch im Detail abläuft, ist bis heute nicht bekannt. Länder mit dem höchsten Verbrauch von Paracetamol wie Australien, die USA oder Großbritannien führen auch die internationalen Rankings bei der Häufigkeit von Asthma, Neurodermitis und Heuschnupfen an. Daraus entstand die Frage, ob möglicherweise Paracetamol hier beteiligt sein könnte.

Allergien und Asthma
Zahlreiche Studien zeigten, dass Kinder, die im ersten Lebensjahr Fiebersenker erhalten, später ein deutlich höheres Allergie-Risiko haben. Die Frage, ob der Einsatz der Fiebersenker ein unmittelbarer Auslöser von Asthma sein könnte, wird kontrovers diskutiert. Während große epidemiologische Arbeiten einen Zusammenhang nahelegen, warnen andere Wissenschaftler vor möglichen Fehlschlüssen. Joanne E. Sordillo, Medizineren in der Harvard Medical School in Boston, präsentierte dazu kürzlich eine Arbeit, in der 1490 Mütter mit ihren Kindern sowohl während der Schwangerschaft als auch während des ersten Lebensjahres auf die Verwendung von Fiebersenkern kontrolliert wurden. Wie weit verbreitet die Anwendung ist, zeigen die Resultate: Nur 30% der Frauen gaben an, dass sie während der Schwangerschaft niemals Paracetamol eingenommen haben. Während des ersten Lebensjahres des Kindes waren es sogar nur 4,5%.

Kinder die besonders häufig Fiebersenker bekamen, hatten ein um ein Drittel höheres Asthmarisiko. „Möglicherweise kommt das Asthma aber auch von den Infekten und nicht von den Medikamenten“, erklärt Studienautorin Sordillo. Gegen diese These spricht allerdings, dass die Kinder von Frauen, die während der ersten Phase der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen haben, später ebenfalls ein um ein Drittel höheres Asthmarisiko hatten – unabhängig von jeglichen Infekten beim Kind.

Wer fiebert wird schneller gesund

Dass Fieber selbst lebensgefährlich wird – und speziell ab 41 Grad unmittelbar zum Tod führt, ist ein hartnäckig verbreitetes Märchen. Fieber ist selbst limitierend. Wenn es zu hoch steigt, setzt eine Gegenregulation ein.

Richtig ist hingegen: Wer fiebert wird schneller und nachhaltiger gesund. Die Gesamtüberlebenschance einer Infektion ist bei Fieber deutlich erhöht. Schwerkranke Menschen, die nicht fiebern, haben demnach nicht nur einen verlangsamten Heilungsprozess, sondern auch eine deutlich schlechtere Prognose.

Dieser Effekt wird von manchen Krebstherapeuten eingesetzt, indem Fieber mit Hilfe der Injektion bakterieller Toxine aktiv erzeugt wird. Hohes Fieber kann das Immunsystem zu einer besseren Krebsabwehr stimulieren. Doch obwohl diese Tatsache unstrittig ist, wird der Ansatz in der Onkologie nach wie vor zu wenig erforscht. Zu stark scheint die Abneigung Fieber therapeutisch einzusetzen. Dabei wäre das nichts anderes als ein Nachahmen erfolgreicher Heilungstaktiken der Natur.

Bei diesem Artikel handelt es sich um die leicht gekürzte Version eines Berichts der in der März -Ausgabe der Zeitschrift “Naturarzt” erschienen ist. 

Continua a leggere

Pubblicato in Senza categoria

Orientierung für ein glückliches Alter


So jung bin ich auch nicht mehr. Und nach all den medizinkritischen Filmen und Büchern dachte ich, es wäre mal an der Zeit für ein ausschließlich konstruktives Werk, das folgenden Fragen nach geht: Wie kann man über den persönlichen Lebensstil die besten Voraussetzungen für die zweite Lebenshälfte schaffen? Welche Antworten finden sich dazu in den zahlreichen Langzeitstudien, die bisher durchgeführt wurden? Ich habe aus dieser Motivation heraus ein – wie ich hoffe – ebenso spannendes wie brauchbares Buch geschrieben: Für mich selbst – und natürlich für alle interessierten Leser. Kürzlich ist “Der Methusalem-Code” erschienen. 

Was sind die wichtigsten Zutaten für ein langes glückliches Leben? Auf der Suche nach Antworten habe ich hunderte von wissenschaftlichen Studien durchforstet. Sicherlich ist es schwierig, die Menschen zu normieren und über einen Kamm zu scheren. Medikamente, die bei der Mehrzahl der Patienten nichts nützen oder sogar schaden, können bei dem einen oder anderen durchaus helfen. Es ist nicht möglich Regeln aufzustellen, die für wirklich alle Menschen zutreffen. Und möglicherweise gilt das sogar bei so unbestritten schädlichen Dingen wie dem Rauchen. Kennt nicht jeder – zumindest vom Hörensagen – eine putzmuntere Achtzigjährige, die noch immer „ihr“ Päckchen pro Tag raucht? Oder einen schlohweißen Bergfex, der den Wanderern entgegen lächelt mit der Pfeife in der Zahnlücke, den Vollbart tabakgefärbt, und der urig erklärt: „A G’söchts hoit si länga!” (“Geräuchertes hält länger!”). Ab und zu wird auch jemand beim Joggen von einem Auto erfasst und überfahren. An der grundsätzlichen Wahrheit, dass Rauchen schädlich und Bewegung gesund ist, ändert dies jedoch nichts.

Und so ist es sehr wohl möglich, jene Voraussetzungen zu bestimmen, die 99 Prozent der Menschen nützen. Angenehmer weise sind diese breit gültigen Richtlinien gar nicht so zahlreich und es ist möglich, hier einen Überblick zu gewinnen.

Das Kernthema des “Methusalem-Code” bildet die Erforschung von Glück und Gesundheit in der zweiten Lebenshälfte. Demgemäß ist es besonders interessant, Studien zu Rate zu ziehen, die sich den wahren Experten dieser Frage widmen: nämlich den Menschen, die es geschafft haben, glücklich und gesund alt zu werden. Es gibt mittlerweile weltweit eine ganze Reihe von aussagekräftigen Langzeit-Studien, die Personengruppen seit Jahrzehnten wissenschaftlich begleiten.

Mit Hilfe dieser Fülle von Daten bin ich nun folgenden Fragen nachgegangen:

  • Was unterscheidet jene Menschen, die früh sterben oder chronisch krank werden, von jenen, die glücklich alt werden und eine hohe Lebensqualität genießen? 
  • Wie unterscheidet sich – wenn man in der Datenbank zwanzig, dreißig Jahre zurückgeht – der Lebensstil der Glücklichen von dem der Unglücklichen, die im Alter krank und gebrechlich sind? 
  • Welche Faktoren sind es, die hier bereits im mittleren Lebensalter die Weichen in diese oder jene Richtung stellen?

Forscher, die außergewöhnlich alte Menschen untersuchten, fanden heraus, dass fast alle Hundertjährigen in eine von drei Gruppen passen: Etwa jeder fünfte der Greise gehört zu den „Entwischten“. Das sind jene Glücklichen, die noch nie eine der alterstypischen Erscheinungen oder chronischen Krankheiten hatten. Bei Ihnen hat Gott oder das Schicksal bei der Zusammenstellung der genetischen Grundausstattung scheinbar eine Doppelsechs gewürfelt.

Vier von zehn gehören zu den „Verspäteten“, wo die Alters-Wehwehchen erst mit 85 Jahren langsam angefangen haben. Der Rest gehört zur Gruppe der „Überlebenden“, die bereits Krebs, Herzinfarkt oder eine andere schwere Lebenskrise mitgemacht und überstanden haben.
Aus den genaueren Befragungen ergibt sich schließlich, dass beinahe die Hälfte dieser Hundertjährigen gar kein besonders gesundes Leben geführt haben. Ihr Geheimnis ist eine robuste Natur. Die andere Hälfte jedoch hat irgendwann den Beschluss gefasst, gesund alt zu werden und auch etwas dafür zu tun.
Es wurde auf dieser Welt bereits so vieles gedacht, so vieles ausprobiert. So viele Irrwege sind begangen, so viele geniale Gedanken ersonnen worden. Wir müssen nicht alle Fehler selbst machen. Wir können die richtigen Schlüsse ziehen. Und wir können uns dabei helfen lassen.

Zum Einstieg in die Thematik eignet sich am besten der “Methusalem-Test”. Er dauert ungefähr zehn Minuten und liefert Ihnen ein personalisiertes Feedback zu 15 Lebensstil-Bereichen, inklusive der Einschätzung, wie viel Prozent ihres persönlichen Potenzials Sie derzeit ausschöpfen und wie alt Sie werden. Natürlich ist nichts davon fix. Alles ist veränderbar – und im Buch gibt es zahlreiche Tipps von denen doch viele überraschend und unerwartet sind. 

Continua a leggere

Pubblicato in Senza categoria